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Der historische Don Carlos.

Unter dem Titel: Un ambassadeur français à la cour de Philippe III, hat Mr. Charles de Moüy im Jahre 1862 nach einem Manuscripte der kaiserlichen Bibliothek in Paris dépêches manuscrites du Sieur de Forquevaulx, ambassadeur de S. M. Chretienne auprès de S. M. Catholique im Auszuge veröffentlicht. Forquevaulx nahm diese Stelle als Nachfolger des Marquis de St. Sulpice im Jahre 1565 ein und bekleidete dieselbe sechs und ein halbes Jahr, bis zum 15. März 1572. Wenn wir die Zeit von 1565 bis 1572 als die Dauer dieser Gesandtschaft bezeichnet haben, so müssen uns dabei sofort eine Reihe wichtiger Daten aus der Geschichte Frankreichs und Spaniens wieder in's Gedächtniss kommen, die Siege Karl's des Neunten über die Hugenotten bei Dreux, St. Denis, Jarnac und Momontour und die Friedensschlüsse von Amboise, Longjumeau und St. Germain en Laye, die Vernichtung der türkischen Seemacht durch Juan d'Austria bei Leponto, Margarethà von Parma's Statthalterschaft in den Niederlanden und ihre Beseitigung durch den Herzog von Alba, und in der That, über alle diese Punkte finden sich in Forquevaulx's Depeschen die wichtigsten Aufschlüsse, wir aber überlassen ihre Benutzung nach dieser Seite hin berufeneren Federn und wollen uns darauf beschränken, die Geschichte einer Episode aus derselben auszuziehen, die sich während dieser Zeit an dem Madrider Hofe abspielte und für uns Deutsche von um so grösserem Interesse ist, als sie Schiller zu einem seiner Meisterwerke begeisterte, dem Don

Carlos.

Die Idee zu diesem dramatischen Gedicht, wie Schiller es Arehly 6. a. Sprachen. XXXV.

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selber nennt, hatte er bekanntlich schon während seines Aufenthaltes in Braubach gefasst, an die Ausarbeitung ging er jedoch erst 1784, als er wieder nach Mannheim zurückgekehrt war, vollendet wurde es in Gohlis und Loschwitz. Die Ideen, die

er darin zur poetischen Anschauung bringen will, sind zunächst . die reine Menschlichkeit und dann die Freiheit, ohne welche

die reine Menschlichkeit nicht zur Erscheinung gelangen kann. Diese Ideen werden, die erste durch Don Carlos, die zweite durch Marquis Posa repräsentirt und um den Trägern dieser Ideen den tragischen Stempel aufzudrücken, ohne welchen ihr Untergang unser Gefühl verletzen müsste, lässt er Don Carlos durch die Liebe zur Stiefmutter, den Marquis aber dadurch fehlen, dass er in seinem Verkehr mit dem Könige von dem Gesetze strengster Wahrhaftigkeit Umgang nimmt. Schiller ist vor allen Dichtern das Glück zu Theil geworden, seine Schöpfungen populär zu halten und so haben wir vielfach seine Gedichte in dem Maasse in uns aufgenommen, dass wir seine Charaktere ganz willkürlich und ohne Weiteres auch in die Geschichte übertragen. Bei Nennung des Namens Don Carlos entsinnen wir uns nicht mühsam der dürftigen Notizen, die man uns seiner Zeit im historischen Unterricht über ihn gegeben hat, sofort steht Schiller's Don Carlos, wie er leibt und lebt, vor unserm Auge. Es möchte daher vielleicht nicht

ganz

obne Interesse sein, zu vernehmen wie ein Augenzeuge ihn uns zeichnet und um so mehr, als derselbe unbedingt auf Glaubhaftigkeit Anspruch machen darf. Von Katharina von Medici, der es natürlich sehr am Herzen liegen musste, am frenden Hofe einen treu ergebenen Diener um ihre Tochter, die Königin Elisabeth, zu wissen, war er mehr als Vertrauensmann, denn als politischer Agent nach Madrid geschickt worden. Und wie scrupulös gewissenhaft er seinem Auftrage nachkommt, das beweist jede einzelne Depesche und namentlich auch der Umstand, dass er Nichts, auch nicht das Unbedeutendste für zu gering hält, um nicht in einer späteren Depesche darauf berichtigend zurückzukommen, sobald er sich überzeugt, das erste Mal nicht ganz recht berichtet gewesen zu sein.

Zum ersten Male thut Forquevaulx des präsumtiven Throuerben in seiner Depesche vom 3. November 1565 Erwähnung. In einer Unterredung mit Königin Elisabeth, wobei er laut Instruction einige Worte über des Prinzen Aeusserungen in Bezug auf eine etwaige Theilung des Reiches hatte fallen lassen, beschränkte sich diese darauf, ihm zu antworten, Don Carlos sei der ebrenhafteste und gehorsamste Sohn, den es gäbe; wozu Forquevaulx folgenden Commentar liefert: „Obwohl er gemeiniglich alle Handlungen seines Vaters missbilligt und tadelt, so zeigt er doch auch auf der andern Seite, dass er Alles für gut findet, was die Königin, Ihre Tochter, sagt oder thut, und es giebt Niemand, der eine solche Gewalt über ihn hätte, wie sie; und alles dies macht sich in der natürlichsten und aufrichtigsten Weise, denn er versteht es nicht sich zu verstellen oder zu heucheln.“ Aber trotz dieser für Don Carlos schmeichelhaften Aeusserungen scheint derselbe doch keinen durchweg günstigen Eindruck auf unsern Berichterstatter gemacht zu haben, denn weiterhin, in der nämlichen Depesche, wo er auf den Erzherzog Rudolf von Böhmen zu sprechen kömmt, gibt er diesem den Vorzug: „Es ist ein schöner junger Prinz und berechtigt ohne Zweifel zu ganz andern Hoffnungen als der Prinz von Spanien.“

Und diese Ansicht behielt er auch von dem Prinzen. Mittlerweile wurde das Verhältniss zwischen Vater und Sohn immer gespannter und unerquicklicher, Philipp fing an, nicht gur an seiner politischen Befähigung, sondern auch an seiner Gesinnung gegen ihn zu zweifeln; er begriff, wie gefährlich an einem jungen Mann, wie Don Carlos, ein so ungemessener Ehrgeiz werden müsste, den sonst keine Eigenschaft seines Charakters rechtfertigte, und eine Phantasie, die in ihrer Lebhaftigkeit bisweilen geradezu an Tollheit streifte. Als daher der Aufstand in den Niederlanden ausbrach und Don Carlos den Wunsch äusserte, sich dorthin begeben zu dürfen, um den Aufstand zu unterdrücken,

von vornherein beschlossen, darauf nicht einzugehen. „Er ist,“ sagt Forquevaulx, „ein junger Mensch, der nur seinem Kopf folgt, und leicht könnte er mit den Italienern und Flandern Etwas anfangen, was sie später bitter bereuen möchten. Man bemerkt sogar, dass er unzufrieden ist, nicht schon jetzt einige grosse Staaten in seiner Gewalt zu haben, um da allein zu befehlen. Aber bei allem seinen Ehrgeiz scheint es ihm an Muth gefehlt zu haben, wenigstens erschien

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er nicht bei dem Turniere im Februar 1566, bei dem sich seine böhmische Vettern als ächte deutsche Ritter mit Ruhm bedeckten und obwohl die Tochter des Kaisers ihm zur Frau bestimmt war. „Der Courier des Kaisers,“ lässt sich Forquevaulx darüber aus, „ist wenig erbaut von dem Betragen des Prinzen bei Tische und sonst, und man hat mir erzählt, dass er es seinem Herrn nicht verheimlichen wolle, entrüstet darüber, dass die Prinzessin Anna einen Prinzen heirathen soll, der sich körperlich und sittlich so wenig für sie eigne.“ Dieser Ausspruch eines unparteiischen Augenzeugen, der zu keinem andern Zweck in Madrid war, als . zu beobachten, muss natürlich schwerer ins Gewicht fallen, als die romantischen Anschauungen, an die wir uns bei Don Carlos gewöhnt haben und die auch neulich Adolfo de Castro in seiner historia de los protestantes Españoles wieder aufgetischt hat.

Während dieser ganzen Zeit, dass Philipp vor ganz Europa Komödie spielte, als dächte er wirklich daran, sich persönlich in die Niederlande zu begeben, wurde der Geist des jungen Prinzen von der Idee ihn zu begleiten absorbirt. Er sandte einen Stallmeister nach Andalusien um für 10,000 Thaler Dienstpferde zu kaufen, er ermahnte die Mitglieder des Staatsrathes die Abreise des Königs zu beschleunigen, und nachdem er in Erfahrung gebracht, dass sich die Cortes mit dem Gedanken trügen, ihn sich während der Abwesenheit des Königs als Regenten zu erbitten, erklärte er ihnen in der grössten Aufregung, dass ihm ein solches Gebahren höchlichst missfalle und dass er darin eine persönliche Beleidigung erkennen würde, wenn man es dennoch wahr machen sollte. Uebrigens hatte es ihm der König damals wirklich versprochen, ihn mit nach den Niederlanden nehmen zu wollen, er erhöhte auch seine Apanage von 40,000 auf 60,000 Thaler, auch mussten der Staatsund Kriegsrath ihre Sitzungen in dem Kabinet des Prinzen halten. Aber schon den Monat darauf schreibt Forquevaulx

. wieder: „Es hat wieder Streit gegeben zwischen Sr. katholischen Majestät und dem Sohne, wegen Ausschweifungen, die er in ganz ungehöriger Weise fortfährt sich zu Schulden kommen zu lassen.“ Die Anzeichen von Geistesabwesenheit, die schon früher von Zeit zu Zeit an ihm wahrgenommen worden waren,

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traten immer entschiedener und heftiger hervor. Und dazu war der Prinz körperlich eben so schwach, wie geistig. Der Arzt der Königin machte Forquevaulx darüber die Mittheilung, ,dass trotz aller Arzeneien, die ihn seine drei Aerzte nehmen liessen um ihn fähig zu machen, ein Weib zu nehmen, dies Alles reine Zeitverschwendung sei, er würde nie Kinder haben.“ Dennoch glaubte man einen Augenblick an einen guten Erfolg der Kar, und der König bewilligte jedem der drei Aerzte einen Jahrgehalt von 1000 Thalern; auch schien es mit seinem Gemüthszustand besser werden zu wollen. ,,Er ist jetzt der liebe Sohn, meldet Forquevaulx, „sodass er von seinem Vater bekömmt, was er will. Er befiehlt in vielen Dingen ganz unumschränkt und beansprucht Gehorsam ohnt jede Widerrede.“ Diese Worte, die keiner Missdeutung fähig sind, beweisen doch bis zur Evidenz, dass der König, trotz der vielen Veranlassung zur Unzufriedenheit mit dem Betragen seines Sohnes, dennoch rigoroser Strenge entschieden abgeneigt war.

Leider aber liess die krankhafte Reizbarkeit seines Gehirns dem Prinzen nicht lange Ruhe. Als er sich in seinem Lieblingswunsche, der Reise nach den Niederlanden getäuscht sah, trat der alte Zustand wieder ein und eine neue fixe Idee, aus Spanien fliehen zu müssen, setzte sich in ihm fest. Seine bizarren Träumereien und die Ausbrüche seiner Leidenschaften machten den ganzen Hof immer bedenklicher; man sagte ganz laut, „dass er sicherlich eines schönen Tages ein Unglück anrichten würde.“ Auch Forquevaulx ist auf das Schlimmste gefasst. „Wenn Gott nicht hilft,“ schreibt er im September 1567, „möchte sich leicht ein grosses Unglück ereignen können. Aber in demselben Maasse, wie der Sohn den Vater basst, nimmt seine Zuneigung und Liebe zur Königin, seiner Stiefmutter, zu; zu ihr nimmt er seine Zuflucht, wenn ihm Etwas nicht nach Wunsch geht, und Ihre Majestät benimmt sich stets mit solcher Weisheit, dass Gemahl und Stiefsohn mit ihr gleich zufrieden sind.“ Eine solche Role war nicht leicht durchzuführen und erforderte alle jene Kunstgriffe der Frauendiplomatie, die Elisabeth in hohem Grade verstanden zu haben scheint, aber im Grunde konnte sie doch Nichts ändern, ein Conflict war unvermeidlich und die Ereignisse überstürzten sich förmlich, um ihn herbeizuführen. Am

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