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Wirklichkeit zur Beute gegeben. Die Composition wäre durch einen elegischen Ausgang abgeschwächt worden.“ – Dass der Dichter das Festhalten der Illusion vielleicht angestrebt, mag eingeräumt werden; aber es fragt sich, ob dies mit dem nothwendigem Entwicklungsgange des dargestellten Gefühls vereinbar, ob es nicht naturwidrig und darum zugleich kunstwidrig war. Der Dichter bewillkommnt nicht, wie Hoffmeister behauptet, das Geschlecht als wiedererstanden; vielmehr vermisst er überall entschieden die Menschen. Schon V. 5 zeigt, dass er sie nicht vor sich sieht. In V. 8 wiederholt er dringender die Einladung an sie, zu erscheinen. Er erblickt das Theater und wünscht, dass sich die Menge hineinstürzen möge. Auch die Mimen bleiben aus (V. 11). So säumen auch die Knaben (V. 33); die Männer, die Alten (V. 45), die Priester (V. 50) wollen nicht erscheinen. Entbehrt aber der Dichter die Menschenwelt, so kann auch sein Entzücken nicht rein bleiben, und die Illusion muss zuletzt nothwendig in einer klarbewussten elegischen Stimmung ihr, Grab finden.

4) Wie über den Ausgang des eben besprochenen Gedichts zwei Interpreten, so sind über das Ende von Goethe's ,,Alexis und Dora," was freilich mehr in's Gewicht fällt, zwei Dichter, und zwar unsre beiden grössten Dichter verschiedener Meinung. Als Goethe das Stück an Schiller übersandt hatte, sprach dieser ihm in einem Briefe Bewunderung und Beifall aus; nur an dem Schlusse nahm er Anstoss. Um dies näher zu erläutern, wird es nöthig sein, den Inhalt zu überblicken. Wir treffen den Helden des Stücks im Anfange schon auf offener See: Vorwärts dringt der Schiffenden Geist, wie Flaggen und Wimpel;

Einer nur steht rückwärts traurig gewendet am Mast. Dann geht die Erzählung sogleich in leidenschaftlichen Monolog über.

Wir erfahren, dass Alexis eine Geliebte daheim lässt, aber nur einen Augenblick beglückt gewesen. Erst gegen V. 40. beginnt er das Vergangene in mehr geordneter Reihenfolge sich vorzuführen. Er erinnert sich, wie er sie Jahre lang schon beobachtet: Oefter sah ich zum Tempel Dich gehn, geschmückt und gesittet,

Und das Mütterchen ging feierlich neben Dir her.

Aber er hatte sie obne den Wunsch des Besitzes betrachtet,

Wie man die Sterne sieht, wie man den Mond sich beschaut.

Erst im Moment der Abfahrt erwachte die beiderseitige, tief im Herzen schlummernde Neigung wie auf einen Zauberschlag und ward zur leidenschaftlichsten Liebe. Er hatte von den Eltern bereits Abschied genommen und sprang nun, das Reisebündelchen unter dem Arm, in's Freie hinaus; da fand er sie, die Nachbarin, an der Thüre ihres Gartens stehen. Freundlich ersuchte sie ihn, in der Ferne einen Einkauf für sie zu besorgen, und lud ihn dann ein, noch einige Früchte aus ihrem Garten mitzunehmen. Als sie diese nun in der Gartenlaube zierlich in ein Körbchen geordnet hatte und im Begriff stand, ihm das Geschenk zu überreichen, „drückte Amor's Hand sie gewaltig zusammen.“ Von dem suchenden Knaben fortgetrieben kam er wie ein Trunkener auf das Schiff, und hier nun versenkte er sich zuerst in die Erinnerung an das eben Erlebte; dann richtete er (V. 113) seine Gedanken auf die Zukunft und beschliesst, der Geliebten den kostbarsten Brautschmuck und zugleich Gaben, wie sie ein häusliches Weib liebt, mitzubringen. Aber diese lieblichen Bilder der Hoffnung werden plötzlich vom Gespenst der Eifersucht verscheucht und mit dieser Wendung des Gedichtes war Schiller nicht zufrieden. „Dass Sie die Eifersucht,“ schrieb er an Goethe, „,80 dicht neben die Hoffnung stellen, und das Glück so schnell durch die Furcht wieder verschlingen lassen, weiss ich vor Deinem Gefühl noch nicht ganz zu rechtfertigen, obgleich ich nichts Befriedigendes dagegen einwenden kann. Dieses fühle ich nur, dass ich die glückliche Trunkenheit, mit der Alexis das Mädchen verlässt, gern immer festhalten möchte.“ Goethe, in seinem Antwortschreiben, nahm einen Rechtfertigungsgrund für sein Verfahren „aus der Natur,“ weil wirklich jedes unerwartete und unverdiente Liebesglück die Furcht des Verlustes auf der Ferse nach sich ziehe; und damit übereinstimmend äusserte er noch in späten Jahren im Gespräch mit Eckermann: An diesem Gedicht tadelten die Menschen den starken leidenschaftlichen Schluss und verlangten, dass die Elegie sanft und ruhig ausgehen solle, ohne jene eifersüchtige Aufwallung. Allein ich konnte nicht einsehen, dass jene Menschen Recht hätten. Die Eifersucht liegt hier so nahe und ist so in dei Sache, dass dem Gefühl etwas fehlen würde, wenn sie nicht da wäre.“ Man sieht, das in der Natur begründete, das psychologisch Wahre ist für Goethe das Massgebende; aber dennoch liegt dem Bedenken Schiller's ein wohlberechtigtes Gefühl zu Grunde. Nicht jede dem natürlichen Entwicklungsgange einer Empfindung entsprechende Evolution ist darum auch schon den Zwecken der Kunst entsprechend, und man darf wohl als allgemeine Regel aufstellen, dass keine Umbildung eines Gefühls, die den durch das Gedicht hervorgebrachten Gesammteindruck beeinträchtigt oder gar (wie dies so oft in Heine'schen Gedichten der Fall ist) vernichtet, zum Abschluss desselben verwendet werden darf. Goethe scheint im vorliegenden Falle auch selbst das Gefühl gehabt zu haben, dass die Darstellung der Eifersucht das Gedicht nicht zweckmässig abrunde. Er nahm daher eine mehr äusserliche Abgrenzungsart, worüber später noch die Rede sein wird, zu Hülfe, eine Anrede an die Musen:

„Nun, ihr Musen, genug ! Vergebens strebt ihr zu schildern,

Wie sich Jammer und Glück wechseln in liebender Brust.
Heilen könnet die Wunden ihr nicht, die Amor geschlagen;

Aber Linderung kommt einzig, ihr Guten, von euch.“

Er nennt diese Verse in einem der Briefe an Schiller ,, die Abschiedsverbeugung des Dichters, wodurch das Leidenschaftliche wieder in das Leidliche und Heitere zurück geführt wird.“

5) Man kann, nach der Betrachtung der vorhergehenden Gedichte, fragen, ob denn zum festen Abschluss eines lyrischen Gedichtes jedesmal eine Art von Umbildung des Gefühls, ein Uebergang in eine Stimmung von verschiedenem Charakter, erforderlich sei. Darauf ist zu erwiedern, dass in vielen Fällen eine Entwickelung der Empfindung bis zu ihrem Culminationspunkt, oder, wenn die Empfindung anfangs dunkel und unbestimmt ist, eine Aufbellung derselben bis zu völliger Klarheit uud Bestimmtheit einen durchaus befriedigenden Abschluss des Gedichtes herbeiführt. So ist Geibel's „Morgenwanderung“ ein schönes Beispiel allmäliger Hervorbildung und Steigerung des Gefühls bis zu seinem Höhenpunkte. Erst Kirchenstille des Waldes in Str. 1.

„Nur im hohen Gras der Bach

Singt leis den Morgensegen.“ Dann eine mebr betrachtende Strophe: Die ganze Welt ist wie ein Buch, worin Gottes treues Lieben aufgezeichnet ist. In Str. 3. zieht die Andacht leise in's Herz und entfaltet sich weiterhin. Da lässt plötzlich in Nr. 5. die Nachtigall ihr Lied erschallen;

„Und der Morgenröthe Schein
Stimmt in lichter Gluth mit ein:

Lasst uns dem Herrn lobsingen!“ Also Entwicklung der Andacht und zuletzt Ausbruch in lauten Lobgesang. Ein kleiner Fehler in der Composition des Liedes, eine Störung der stetigen Entwickelung der Empfindung dürfte im Schluss der dritten Strophe liegen, die das Auftlammen der Andacht in hellen Lobgesang anticipirt.

6) Ein dem vorhergehenden verwandtes, nicht minder schönes Beispiel der Steigerung und Aufhellung eines Gefühls bis zu völliger Kraft und Klarheit ist Goethe's „Ganymed.“ Es ist bekannt, dass Goethe von Kindheit auf einen starken Hang zu einsamer gefühlvoller Betrachtung der Natur hatte und dabei oft von ahnungsreichen religiösen Stimmungen ergriffen wurde. Besonders leicht rief ein geheimnissvolles Walddunkel solche Empfindungen in ihm hervor. Hier ist es aber nicht die feierliche Waldesnacht, sondern die Herrlichkeit eines Frühlingsmorgens, was jene Stimmung weckt:

Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,

Frühling, geliebter !
Die Natur stellt sich ihm nicht in ehrfurchtgebietender
Erhabenheit, sondern in wonnevoller Schönheit dar:

Mit tausendfacher Liebeswonne
Drängt sich an mein Herz
Deiner ewigen Wärme
Heilig Gefübl,

Unendliche Schöne!
Aus der Betrachtung des Schönen erwächst die Liebe, die
Sehnsucht nach Vereinigung mit demselben. Darum möchte

er all das unnennbar Herrliche, zu einem ihm ähnlichen Weser personificirt, an sein Herz drücken:

Dass ich diesen fassen möchte
In diesen Arm!
Ach, an deinem Busen
Lieg' ich, schmachte,
Und deine Blumen, dein Gras
Drängen sich an mein Herz.

Lindernd weht die frische Morgenluft seine sehnsuchtglühende Brust an:

Du kühlst den brennenden
Durst meines Busens,

Lieblicher Morgenwind !
Da erschallen plötzlich Töne, die, weil sie selbst wie die
Sprache der zärtlichsten Liebe klingen, auch in seiner Brust
das tiefste Sehnen erregen:

Ruft drein die Nachtigall

Liebend nach mir aus dem Nebelthal.
Einen Augenblick vergisst er, dass dort sein liebebedürftig
Herz doch keine Befriedigung finden kann, und er antwortet:

Ich komm', ich komme!
Doch sogleich sich besinnend, fügt er schmerzvoll hinzu:

Wohin? Ach, wohin? Da fühlt er auf einmal, dass der Trieb nach Vereinigung mit dem Schönen der Natur der Zug zu einem höhern Wesen, dem Quellder ewigen Liebe ist. Die Wolken dünken ihm sich zu senken und in ihren weichen Schoss ihn aufzunehmen; und er glaubt, von liebenden Armen umfangen, an das Herz des allliebenden Vaters emporzuschweben. In vielfacher Hinsicht kann diese Hymne als ein Muster lyrischer Dichtung gelten. Die Darstellung ist gedrängt und prägnant; die Sprache, wie die metrische Form, ist mit genialer Leichtigkeit gehandhabt; der wechselnde Rhythmus folgt ausdrucksvoll der Modulation der Empfindung. Und, worauf es uns hier besonders ankommt, wie klein auch der Umfang des Gedichtes ist, so stellt es doch eine Empfindung in einer ganzen Reihe von Entwickelungsphasen dar. Es lassen sich drei Evolutionsstufen unterscheiden:

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