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Auswahl Deutscher Gedigte.

Im Anschluß

an die

Geschichte der deutschen National-Litteratur

von

Professor Dr. Hermann Kluge.

Siebente, verbesserte und vermehrte U uflage.

Mit zahlreichen Porträts in Holzschnitt.

Altenburg.
Drud und Verlag von Dotar Bonde.

1899.

HARVASO UNIVERSITY LIBRARY 47*20

Vorwort zur ersten Auflage.

Wiederholt ist an mich das Verlangen gestellt worden, im Anschlusse an meine Geschichte der deutichen National-Litteratur" eine „ Auswahl deutscher Gedichte“ zu veranstalten. Längere Zeit glaubte ich Bedenken tragen zu müssen, diesem Wunsche zu entsprechen, da ich mir nicht verhehlte, daß bereits zahlreiche Anthologieen und Gedichtsammlungen, darunter auch in ihrer Art vortreffliche — ich nenne nur die weitverbreitete Echtermeyersche vorhanden seien. Wenn ich gleichwohl endlich die gewünschte Sammlung veranstaltet, so ist es geschehen, weil ich mich der Einsicht nicht verschließen konnte, daß eine Auswahl, die wie die vorliegende im Unterschiede von anderen sich an meine Geschichte der deutschen National-Litteratur anschließt, den Freunden dieser die besten Dienste leisten und für die Behandlung des Gegenstandes höchst ersprießlich und fruchtbringend sein müsse.

Dieser Zweck ist auch für die Anlage und den Charakter des Buches bestimmend gewesen. Es kam bei dieser Sammlung nicht wie z. B. bei der von Echtermeyer auf einen stufenmäßigen Fortgang vom Leichteren zum Schwereren an. Auch der dort erstrebte einheitliche Zusammenhang der einzelnen Stücke lag außerhalb meiner Absicht. Insbesondere lag es mir fern, „historische Vollständigkeit“ zu erzielen und wo möglich dafür Sorge zu tragen, daß jede historische Persönlichkeit und jedes bedeutende historische Ereignis eine poetische Vertretung fände. Sammlungen, welche darauf großen Wert legen, haben eine gefährliche Klippe nicht vermeiden können und manches Gedicht nur um dieses seines historischen Inhaltes willen aufgenommen, jo daß mancherlei jaft- und fraftlose Produkte, bloße historische Reimereien neben Vortrefflichem Plaß gefunden haben.

Der Bestimmung des Buches entsprechend konnten in die vorliegende Sammlung nur Dichter aufgenommen werden, die auch in der Litteratur geschichte eine Stelle gefunden haben, und da die Sammlung nur Ganzes und in sich Abgeschlossenes enthalten sollte, so mußten alle Bruchstücke aus dem Gebiete des Epos, des Dramas, sowie der Proja ausgeschlossen werden. Wenn dennoch Abschnitte aus Rücferts Weisheit des Brahmanen 2c. aufgenommen worden sind, so bedarf dies kaum einer Rechtfertigung. Dieje Stellen sind in sich abgerundet und gleichen Perlen, die leicht losgelöst werden konnten, also für sich ein Ganzes bilden, so daß deren Aufnahme nicht dem sonst befolgten Prinzip widerstreitet.

Indem die „Auswahl“ nur kräftige und gesunde Nahrung für Geist und Gemüt zu bieten sucht, will sie wenigstens teilweije dazu beitragen, daß Goethes Wort sich erfülle, man solle keinen Tag verstreichen lassen, ohne ein schönes Bild zu sehen, eine schöne Musik zu hören und ein schönes Gedicht zu lesen.

Altenburg, im Juni 1877.

Vorwort zur siebenten Auflage.

!

In der „Zeitschrift für den deutschen Unterricht, herausgegeben von D. Lyon,“ 2. Jahrgang, 3. Heft, S. 210—219 hat eine anerkannte Autorität auf diesem Gebiete, Herr Dr. Dsfar Erdmann, vormals Professor an der Universität Breslau, später in Kiel, meine Auswahl deutscher Gedichte" eingehend besprochen. Er sagt darin u. a.: „Ich habe nach einer solchen Auswahl beim Unterricht von Schülern und Schülerinnen höherer Lehranstalten lange gesucht, ohne eine mich allseitig befriedigende zu finden. Der lepte Band des Lejebuches von Hopf und Paulsief z. B. ist gut angelegt, aber zu dürftig ausgestattet. Echtermeyer giebt zu viele überhaupt nicht, oder nicht für die oberen Klassen passende Gedichte, außerdem in schwer begreiflicher Anordnung. Das alte Buch Gödeke, Elf Bücher deutscher Dichtung, ist für gelehrte Zwecke noch immer ausgezeichnet, nicht für den Schulgebrauch. Wolffs poetischer Hausschap ist vortrefflich, aber allzu umfangreich und teuer. Unter allen mir bekannt gewordenen Samm= lungen gebe ich für den bezeichneten Zweck dieser Auswahl von Kluge den Vorzug.“ Er schließt seine ausführliche und gründliche Besprechung mit den Worten: „Mein Schlußurteil über Kluges Auswahl deutscher Gedichte lautet alio: Sie ist ein vorzügliches Buch für Schule und Haus, sehr geeignet für die oberen Klassen der Gymnasien und Realgymnasien, ebenjo aber auch für die Mädchenschulen und Seminare. Und weil sie ohne Streben nach falscher Volkstümlichkeit durchweg kräftige und gesunde Nahrung für Geist und Gemüt bietet, so ist auch Lehrern und Zöglingen der Mittel- und Volksschulen ihr Gebrauch durchaus zu empfehlen. Hoffentlich trägt sie dazu bei, daß in teilnahm svollem Genuise unserer nationalen Dichtung sich verschiedene Bildungsfreise und Bildungs stufen mehr berühren und vereinigen, als es bis her möglich gewesen ist.“

Ein jo wohlwollendes Urteil von jo berufener Seite war für mich ein Sporn, mein Buch immer mehr zu vervollkommnen. Aus diesem Grunde sind auch die in der Bejprechung enthaltenen Wünsche, soweit dies möglich erschien, gewissenhaft berücksichtigt worden.

Welchen Beifall das Buch im Auslande gefunden, davon zeugt ut. a. eine Besprechung desselben, die sich in der bei Cranston & Curts, Cincinnati und New York, erscheinenden illustrierten Monatsschrift „Haus und Herd“ findet und worin es heißt: ,Dieje Zusammenstellung deutscher Gedichte ist eine der besten, wenn nicht die beste, die bisher erschienen. Eine Meisterhand hat die Auswahl getroffen.“

Den von beachtenswerter Seite ausgejprochenen Wunsch, einige unjerer bedeutendsten Volkslieder, sowie einige Oden Goethes in freieren Rhythmen aufzunehmen, habe ich gern erfüllt.

So mögé das Buch auch ferner christlichen und vaterländischen Sinn
in die jugendlichen Herzen pflanzen und diejelben für die ewigen Ideen des
Guten, Wahren und Schönen begeistern.
Altenburg, im Oktober 1898.

Hermann Kluge.

Bnhalt.

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