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des Schachspielers, Alles auf einzelne geschickte Griffe des Talents an. Der wahre Fall der Anwendung einer syntaktischen Wissenschaft zeigt sich hingegen nur da, wo verwickelte Zusammenstellungen leicht überblickt und regelmäßig gebildet werden sollen. Dies ist nirgends mehr und bestimmter der Fall, als in der Analysis. Daher wurde dann Hindenburg bei der Erfindung vorzüglich durch die Bedürfnisse der combinatorischen Analyfis geleitet, wie dieses die Unterscheidung arithmographischer und lerifographifcher Anordnungen, die Lehren vom Combiniren und Variiren zu bestimmten Summen, vom Combiniren und Variiren mehrerer Reihen deutlich zeigen.“

III. Die Hermeneutik. Die Rebe, sei fie mündliche oder schriftliche, foll wiedererzeugt werden und die Reproduction des Hörenben oder Lesenden soll denselben Inhalt haben, wie bei dem ursprünglichen Concipienten. Die Renntniß der Sprache, also das grammatische und rhetorische Element, wird hier die nothwendige materiale Bedingung des Verftändniffes, dies selbst aber beruht zuleßt auf dem logischen Element. Der Beweis, etwas richtig verstanden zu haben, ist eine Schlußverkettung.

Zuerst muß die Auslegung allerdings die eigens thümliche Situation, unter welcher der Verfasser schrieb, als die psychologische Geburtsconstellation erforschen; sodann aber die Schrift logisch erläutern und das Ganze und Einzelne fich durch ihre Wechselwirkung erklären laffen. Die Erfassung des Einzelnen, vom Standpunct des Ganzen aus, erfordert den divinatorischen Tact. Der Hermeneut muß in der Reproduction die Sache felbft gleichsam noch einmal erschaffen. Das umgekehrte Geschäft, nämlich das Ganze vom Einzelnen aus zu erfassen, den bestimmten Werth, die besondere Geltung eines Wortes und Sapes zu ermitteln, ist ein compas ratives Beide Thätigkeiten aber sind ein Schließen. Dort schließe ich vom Ganzen auf das Einzelne, wie und ob es ihm entspricht; hier schließe ich von dem Eins zelnen auf das Ganze, indem ich das Einzelne mit dem Einzelnen in Bezug auf die Totalität vergleiche. - Die äußere Vermittelung dieses Zweckes begründet den Unters fchied der curforischen und statarischen Lectüre. Die Untersuchung, in wie fern ein Schriftwerk den subjectiven und objectiven Vorausseßungen in dem Autor entspricht, betrifft die Authenticität; die aber, welche den Zusammenhang und die Einstimmigkeit eines Schrifts werks mit sich selbst zu entwickeln bemüht ist, betrifft die Integrität desselben. Diese Untersuchungen gehören nicht der Interpretation, sondern der Kritik an.

Die Auslegung eines Schriftwerks soll den Beweis des adäquaten Verständnisses feines Sinnes führen, der unmittelbar ein qualitativ bestimmter ift. Indem aber die Bedeutung desselben angegeben und sprachlich, historisch und logisch begründet werden soll, ist auch die Quantität des Sinnes zu beachten, damit nicht weder zu viel noch zu wenig von ihm ausgelegt werde. Das psychologische Moment der individuellen Composition, welches Schleiermacher die Meditation nennt, muß mit dem objectiven der logisch-organischen Composition richtig zusammengeschlossen werden. Bliebe man bei dem Verbalverständniß, so gäbe dies eine bloße, nichtssagende Tautologie, wie in den verrufenen Notis ad modum Minellii; ergriffe man dagegen den Inhalt nur von Seis ten feiner Allgemeinheit, die er nothwendigerweise auch hat, so würde man das specifische Colorit ignoriren, welches dem Werk seine formale Eigenthümlichkeit vers leihet. Das wahrhafte Verständniß muß daher den Bes griff der Moditation und Composition zusammenschließen.

Wenn nun die Sprachbildung im Worte, in seinen Arten und Beugungen, das logische ganz unmittelbar verkörpert, so daß eine Sprachdenklehre möglich wird; wenn die Rede im Saß die Momente des Begriffs, des Urtheile und Schlusses auf concrete Weise entwickelt, so ist das logische Element der Hermeneutik die Wechselwirkung des Ganzen und Einzelnen, welche fich in drei Hauptpuncten barftellt: erstlich in der Beziehung des Hauptsaßes zum Nebensaße; zweitens in der Beziehung der über- und untergeordneten Säge zu den nebenges ordneten; endlich in der Auflösung dieser Beziehungen in das Verhältniß der Identität und des Widerspruchs.

Im Hauptsaß wird das wesentliche Subject der Rede nach einem wesentlichen Prädicate bestimmt. Der subordinirte Saß erscheint in Bezug auf einen andern

als bloße Folge; der coordinirte fann eben sowohl ein Hauptsa, als ein Nebensaß sein, sei es, daß ein Subject oder daß ein Prädicat bestimmt wird. Diese Bes stimmung kommt aber zulegt darauf zurück, ob das Subject durch das Prädicat positiv oder negativ, oder ob das Prädicat mit dem Subject in Identität oder Nichtidentität geseßt wird. Das Unterscheiden der Hauptund Nebensäße, der über- unter- und beigeordneten Säße, der Identität und Nichtidentität des Prädicats mit einem Subject ist daher ein Erschließen des in der Rede gegebenen Urtheils.

Man macht der Auslegung oft den Vorwurf der Schlüpfrigkeit. Sie kann aber nicht anders als schlüpfrig sein, weil die Mitte zwischen dem Zuviel und Zuwenig des Sinnes schwer festzustellen ist und die Quantität, wie immer, in ihren Ertremen, auch die Qualität afficirt. Lege ich den Sinn nur halb aus, so bleibe ich hinter ihm zurück. Lege ich mehr von ihm aus, als er an sich enthält, lege ich ihm also etwas unter, so überschreite ich ihn. Die Auslegung verfährt baber in schiwerigeren Fällen a pagogisch, um durch die Doppelnegation der Ertreme des Sinnes die Pofition des wahren Sinnes zu vermitteln.

Die hermeneutische Beweisführung kann sich deshalb nicht durchseßen, ohne nicht einerseits an die objective, andererseits an die subjective Grenze des richtigen Verständnisses zu gelangen. Die objective ist die Untersuchung, ob dem Subject ein Prädicat, wie das in der

Rede ihm beigelegte, nothwendig oder zufällig, feiner Natur nach oder nur äußerlicher und vorübergehender Umstände halber zukomme. Die grammatisch-psychologisch-logische Interpretation appellirt an den Begriff der Sache felbft. Die philologische Aufgabe der richtigen Darlegung des Wortsinnes und der Construction kann gelöft sein, die Sache selbst aber dunkel erscheinen und aus diefer objectiven Dunkelheit gegen das ausgesprochene Verständniß felbft ein Zweifel erhoben werden. Die Eregese löft sich insofern durch sich felbft auf. Die Auslegung durdwandert zuerft alle Möglichkeiten des Sinnes, stellt seine Ertreme gegeneinander, sucht die durchschnittliche Mitte derselben und befriedigt fich mit diesem Resultat. Allein mit ihm treibt sich der Verftändnißbrang weiter und durchbricht den Kreis der sprachlichen und schriftlichen Darstellung. Die Frage, ob ein Präbicat einem Subject substantiell inhärire oder accidentell adhärire, ob es ihm also überhaupt gegeben werden könne, ist die Frage nach der Möglichkeit der Sache an und für fich, abgesehen von ihrer gegebenen Darstellung, deren Wahrheit pragmatisch von dem Begriff als solchem abhängig gemacht wird. Hat die Auslegung ihre grammatischen, psychologischen und logis schen Beweise umsonst erschöpft, so rettet sich das ermüdete Bewußtsein endlich in den Gedanken der Sache an fich, von seiner Denkbarkeit auß die gegebene Darstellung desselben zu untersuchen und zu beurtheilen.

Von der erzählten Thatsache und den Meinungen

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