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Der Charlatanismus der Gründlichkeit, die Sunft der Scheinbegründung, ist in den fcholaftischen Logifen bes Jesuitismus recht zu Hause. Das neuefte Product bieser Art find die: Institutiones philosophicae von Buczynski, Wien, 1843, in deren Logik und Mes taphyfie Kant, Fichte und Hegel gegen die obfcurften Celebritäten Tyrols, Galliziens, Ungarns und Baierns übel fortkommen 2c.; denn jene Philosophen gingen über bie Kleinkrämereien der formalen Logik, über den Prunt ihrer Advocatenbeweise, mit Verachtung ihrer Gothischen Schnörkeleien und leeren Subtilitätsdelicatessen biß zur Absolutheit des Zweifelé fort, der ohne alle Rücksicht auf den Inhalt nur die Gewißheit der Wahrheit sucht, nachdem er fich redlich die Mühe genommen, der Wahrheit im Besondern gewiß zu werden. Dieser Ernst der Arbeit, die er versucht hat, rechtfertigt ihn in seinem Beginnen.

Von dieser Marter der Verzweiflung an der Unzu. länglichkeit des Wissens, von dieser Trostlosigkeit eines unbefriedigten Ringens nach Gewißheit weiß die Flache heit nichts, welche den Skepticismuß zur Beschönigung für fich mißbraucht. Auf dem Uebergang vom relativen Zweifel zum absoluten liegt die Möglichkeit des Rüdfalls in den Standpunct des Dogmatismul. Das erkennende Subject kann durch die Angst niedergeworfen werden, daß alles Mühen, der Wahrheit gewiß zu wers ben, doch umsonst und es daher besser sei, alle folche Bemühung überhaupt aufzugeben und fitch, falls man

és im Indifferentismuß nicht aushalten könne, dem Glauben einer Kirche oder sonstigen Auctorität zu überlassen. Diese Wendung ist unendlich oft da gewesen. Auch Huët richtete fte gegen Descartes. Sein: Traité de la faiblesse de l'esprit humain, wurde auch in's Deutsche überseßt. Weil wir nicht wissen können, müssen wir glauben. Dem Einzelnen ist dieser Rüdgang auf den Standpunct des unbewiesenen Fürs wahrhaltens nicht zu verübeln. Die Philosophie ift nicht Jedermanns Sache und Niemand kann und foll zu ihr gezwungen werden. Allein für die Wissenschaft als Angelegenheit des menschlichen Geschlechts verhält es fich anders. Hier muß über das Bezweifeln von diesem und jenem zu dem Einen, allen Inhalt, Natur, Geschichte und Gott felbst in Frage stellenden Zweifel geschritten werden. Die Emphase der Ueberzeugtheit, die Parrheste, mit welcher die Meinung fich oft ausspricht und Glauben an ihr Glauben erweckt, gilt für die Wissenschaft nichts. Die größten Albernheiten haben ihre Märtyrer gehabt. Auch die Heuchelei versteht nur zu wohl, die Menge mit dem fubjectiven Feuer eines selbstgewissen Pathos zu täuschen. Daß also von Jemand irgend ets was im Ton der Ueberzeugtheit vertragen wird, ist noch nichts weniger, als ein Grund der Gewißheit, sondern kann für das von ihm Gesagte höchftens ein günstiges Vorurtheil erwecken.

Die Wiffenschaft als solche muß durch die Höllens fahrt des Zweifels zur Himmelfahrt des Wissens hins durchdringen. Die Halbheit des relativen Zweifels und feines bloßen Fegefeuers, die Waffenstillftandsabschlüsse zwischen diesen und jenen Gründen, genügen dem Ernft der Erkenntniß nicht. Indem ich zweifle, an Allem zweifle, brauche ich nur mich als den Zweifelnden felbft zu erfaffen, um dem scheinbaren Abgrund eines Nihiliss mus zu entfliehen. Das Zweifeln, das Seßen der Uns gewißheit, ist für fich felbft Gewißheit; das Negiren aller Wahrheit ist für fich selbst Wahrheit; das Zweifeln ift ein Act des Denkens, also felbft Denken. Das Denken aber; auch als negatives, ift selbst ein Sein; folglich das Denken fich felbft das Sein. Dies ist der hier noths wendige, von Descartes entdeckte, ewige Gedankengang. Wenn Gaffendi gegen ihn die Priorität des Seins einwandte; wenn er meinte, es müsse heißen: sum, ergo cogito; so bewies er damit nur sein Unverständniß des eigentlichen Problems, daß es nämlich auf den Beweis der Einheit von Sein und Denken, auf die Selbstvers mittelung beider Begriffe ankommt, in welcher das Denken durch seine Superiorität auch die Priorität behauptet, denn das Denken feßt sich das Sein, nicht aber das Sein das Denken zum Prädicat.

3) Die kritische Logik. Das negative Denken als absolutes überwindet also den Zweifel und macht den Begriff der Gewißheit möglich, daß nämlich Alles wahr und gewiß ist, was ich so deutlich und klar, als mein eigenes Selbstbewußtsein, bes greife. Das Wiffen fordert aber nicht nur die Gewißheit, sondern auch, in Uebereinstimmung mit ihr, bie Wahrheit. Aus diesem Grunde wird es nothwendig, ein Kriterium derselben zu finden, nach welchem das fets ner felbft fchon gewisse Denken fich auch der Wahrheit feines Inhaltes gewiß sein kann.

Der Dogmatismuß urtheilt assortorisch: A ist B; der Skepticismus problematisch: wenn A ift, so ift B, bestreitet aber zugleich, daß A ist; das Wissen urtheilt apobiktisch: A, insofern e$ B ift, ift C; b. h. das Präs dicat C ift für A durch das Prädicat B ermittelt. Das apodiktische Urtheil ist insofern schon an sich ein Schluß. Wenn A nur insofern C ist, als A B ift, so ist der Bes griff A als ein solcher beftimmt, der ohne B nicht foll gedacht werden können, C zu sein. Das Wiffen ist das her die vollkommene Befreiung des erkennenden Subjecs tes vom Inhalt und des Inhaltes vom Subjecte. Was ich weiß, erkenne ich eben so gewiß und wahr, als mich felbft.

Was ich wahrhaft weiß, ist daher ein Wissen mets ner selbst, meines eigenen Wesens. Nur das Wiffen verleihet wirkliche Sicherheit. Die Unwissenheit gibt auch Sicherheit, aber eine gefährliche und zerstörbare. Das mit einem Inhalt fertig gewordene Wissen ist eben das durch in seinem Befig und damit frei von ihm, wohin= gegen dem Nichtwifsenden von überall her fich Schranken entgegenthürmen können. Das Streben der Menschheit geht deshalb auch instinctmäßig in allen Gebieten auf

nen.

die möglichste Ausbreitung des Wissens und aller Despotismus auf die Geheimhaltung des Wissens. Die unzweideutige Bestimmtheit des Wissens pflegt man Evidenz zu nennen und der mathematischen Wissenschaft als ein Monopol zu beneiden, so daß den Mathematikern die Illusion nicht zu verargen ist, sich als die eigentlich allein Wissenden anzusehen und der Philosophie als eis ner bloßen Scheinwissenschaft mit Verachtung zu begeg

Alein jene Demuth ist so falsch, als dieser Hochs muth, denn die Evidenz der Mathematik hängt gänzlich von Ser Logik ab und diese wenigstens follte enschlosTen sein, der Mathematik an Klarheit nichts nachzugeben.

Das Kriterium des Wissens ist in objectiver Hinficht die Denkbarkeit, oder, was dasselbe, Möglichkeit des Inhaltes. In subjectiver Hinsicht ist es die Identität des Begriffs mit dem Begriff des denkenden Subjects als des in seinem Denken sich seiner selbst als des denkenden und seienden gewissen. Das Rriterium seßt also ein apodiktisches Urtheil, denn es fagt, daß ein Subject nur von folcher und solcher Beschaffenheit möglidh fein soll. Mit dieser Beziehung des Begriffs auf bie Realität streift die Logik fchon an den Begriff der Idee als der Einheit des Begriffs und seiner Realität, To daß die Realität desselben nicht etwa auch nicht sein kann, sondern schlechthin sein muß, weil der Begriff der Idee gar nicht ohne feine Wirklichkeit gedacht werden kann.

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