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Bis sich zuletzt das Heer der Streitenden vereint:
So war auch hier der Streit in Raufbolds Gegenwart.
Der eine sprach, zie fort, dem andern schien diess hart.
Und Raufbold war auch selbst doch insgeheim entschlossen,
Von Leipzig nicht zu gehn, bis er es recht genossen.

CHRISTIAN FELIX WEISSE.

[Scherer D. 408, E. II. 16.)

Geboren 1726 zu Annaberg, studierte in Leipzig, Steuerbeamter daselbst, starb 1804. Lyriker, Theaterdichter, Kinderschriftsteller und Journalist. Mit dem Singspiel ‘Der Teufel ist los' brach er auf der Leipziger Bühne der Oper wieder Bahn, die durch Gottscheds Einfluss verbannt war. Seit 1759 redigierte er die . Bibliothek der schönen Wissenschaften und deren Fortsetzung die ' Neue Bibliothek'. Von 1775-1782 gab er seinen Kinderfreund' heraus.

LIEBE UND WEIN.

IO

Ohne Lieb und ohne Wein,
Was wär unser Leben ?
Alles, was uns kann erfreun,
Müssen diese geben.
Wann die Grossen sich erfreun,
Was ist ihre Freude ?
Hübsche Mädchen, guter Wein
Einzig diese beyde.

Helden, die des Siegs sich freun,
Fragen nichts nach Kränzen,
Sie erholen sich beym Wein
Und bey schlauen Tänzen.
Uns drückt oft des Lebens Pein,
Doch nur, wann wir dürsten :
Aber gebt uns Lieb' und Wein :
O! so sind wir Fürsten!

20

JOHANN JACOB BODMER.

(Scherer, D. 413, E. II. 22.] Geboren 1698 zu Greifensee bei Zürich, seit 1725 Professor der helvetischen Geschichte in Zürich, 1735 Mitglied des grossen Rathes, starb 1783. Er gab die ästhetisch kritische Zeitschrift • Die Discourse der Maler' heraus (1721-23). Im Jahre 1732 erschien seine prosaische Verdeutschung von

Miltons • verlorenem Paradiese ', durch die sein Streit mit Bodmer ausbrach. quilibet

In diesem Streit schrieb er · Kritische Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie und dessen Verbindung mit dem Wahrscheinlichen, in einer Vertheidigung des Gedichts Joh. Miltons von dem verlorenen Paradiese' 1740 und Kritische Betrachtungen über die poetischen Gemälde der Dichter, mit einer Vorrede von Breitinger' 1741. Er veröffentlichte 1748 Proben der Minnesänger, 1757 einen Theil des Nibelungenliedes, 1758 und 1759 eine vollständigere Sammlung der Minnesänger und verfertigte Bearbeitungen verschiedener mittelhochdentscher Gedichte. Von seinen eigenen Dichtungen seien die von Bächtold (Heilbronn, 1883) herausgegebenen · Vier kritischen Gedichte' erwähnt.

CHARAKTER DER DEUTSCHEN GEDICHTE.

I.

1

Mit Conradinens Blut zerrann die kurze Pracht,
Und Teutschland fiel zurück in die barbarsche Nacht.
Kein Dantes kam hernach, wie im Ausonschen Lande,
Der den versengten Grund an Stygis schwartzen Strande
Mit frechem Fuss betrat, sich durch das Chaos drang,
Und wiederum heraus mit mächtgen Flügeln schwang ;
Durch abentheurliche fantastisch-wilde Welten,
Bis sich die müden Füss im Sternen-Estrich stellten,
Da er den heisern Thon, der erst so hart erklang,
Verkehrt in lieblichen süss-schallenden Gesang.

Die Sonne lief indess den Thierkreiss auf und nieder,
Und bracht in langer Reyh die Jahr und Zeiten wieder,
Als Brand ? Gewähr-Mann ward dass auch ein teutsches Haupt
Zum dencken aufgelegt, des Geistes nicht beraubt.
Der Narr war sein Gesang, (Materie zu verschwenden)
Den er mit Fleiss und Müh gesucht in allen Ständen,
1 1268.

2 Sebastian Brant.

IO

Іо

Und wie sie sich verkappt, als Weise auszusehn,
Und wie sie sich bemüht die Nahmen zu verdrehn,
Und ihm ihr thöricht Thun vor Weisheit aufzubinden,
So hat er doch gewusst den Gauch im Nest zu finden.
Sein Geist war aufgeweckt und heiter seine Brust;
Wann er die Narren zehlt', erweckten sie ihm Lust.
Wie er denn glücklich war mit Kurzweil-vollen Bildern,
Wovon die Aehnlichkeit ins Auge fällt, zu schildern.
Allein soll auch der Vers die Red' und Schreibens-Art
Ein Sächsisch Ohr erfreun, so muss es nicht zu zart
Nicht schwach und leckern seyn. Ich muss fürwahr die Alten
Vor glücklicher als uns, wo nicht vor weiser halten,
Dass sie diess kleine Glied' gewöhnt zur Strengigkeit.
Ihr wohl gehärtet Ohr blieb Stich-und Schlag-befreyt,
Wann gleich der rauhe Vers gleich einem Wald-Strom brüllte,
Und heisrer Wörter Zorn die Lufft mit knarren füllte.
Ein Missthon in dem Reim, ein Wort das nicht mehr ganz,
Von seinem vörder-Theil gestümmelt bis zum Schwanz,
Kan heut zu Tage noch dem Engelsmanneschmecken,
Der so, wie Brand gethan die Sylben pflegt zu recken,
Und sich bey dem Geschmack doch wohl-gesittet glaubt.
Gewiss der zärtliches lebt vieler Lust beraubt.

Nach Branden kam ein Kopf von Rabelais verwandten
Dess Nahme Fischart war, der Liebling der Bachanten,
Ein Geist der aufgelegt zur Possenreisserey,
Als ob er mit dem Leib von einer Erden sey.
Wiewohl, dass wir ihn nicht an seinem Lobe kräncken,
Er konte wann er wolt, natürlich-scherzhaft dencken.
So hat sein glücklich Schiff zwar einen lustigen Grund,
Und giebt doch die Natur in starcken Proben kund.
Durchsichten, Wasserfall', als so verschiedne Bühnen,
Character, Neigungen, auch Reden und Machinen ;
Dies alles fehlt hier nicht. Der Rhein und Lindmag schauten,
Bestürzt und voller Lust, die neuen Argonauten.

2

20.

30

1 das Ohr.

3 der Verwöhnte.

? Englishman.
das Glückhafte Schiff.

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Allein sein altes teutsch steht ihm zu sehr im Licht.
Ein Sächsisch Auge sieht den schönen Innhalt nicht.

Erassmus hatte längst die München-Brut der Hunnen
Vom Schauplatz weggeschreckt, die Kunst war schon ersonnen,
Dadurch man Wort und Red in Erzt und Messing giesst,
Dadurch die Wissenschafft der Vorwelt sich entschliesst.
So weit kam teutsche List 2. Drauf sah man die Camönen
Sich auch die kalte Lufft in Norden angewöhnen.
Die Künste fanden sich von selber wieder ein ;
Der Seelen ihr Geschmack, die Urtheils-Krafft, ward rein,
Geschwind und ohne Müh, nachdem man von den Alten
Desselben wahre Schnur und rechtes Mass erhalten.
Gemach legť auch die Sprach ihr wüstes Wesen ab,
Und wuchse schöner auf, nach Richtschnur, Mass und Stab.
Doch langsam und mit Müh, inmassen der Gelehrte
Das ewige Latein mit mehrer Frucht verehrte.
Als wann das teutsche nur für Hand-Geschäffte wär,
Für weiblichen Verstand, an Kraft und Anmuth leer.
Bis Opitz zeigete dass nur ein Kopf der Sprache,
Die reiche Redens-Art und Nachdruck nicht gebrache,
Dass sie gelenckig ist, Verstellung leiden kan,
Nicht starr an Hals und Stirn, dass sie bald Himmel-an
In prächtiger Gestalt ansehnlich-edel steiget,
Bald ohne Niedrigkeit sich wider Erd-wärts neiget,
Und Ziel und Mass behält, und einer Schüssel gleich,
Die auch an niedlichen und warmen Speisen reich.
Versteh alsdann allein, wann Opitz in ihr dencket.
Gib acht wie sein Gedicht sich so verschieden lencket,
Nachdem's die Regung heisst, die er entzünden will ;
Wie er befliessen folgt dem vorgesetzten Ziel !

20

30

2.

Wie wann der Phönix jezt nach dem Egypt'schen Theben
Den Flug gerichtet hat, zu legen Geist und Leben,
Das ganze Vogel-Heer ihn voll Verwundern sieht,
So seltsam an Gestalt, an Farbe, Kraft, Gemüth :

Barbaren. · Kunst. 3 je nachdem es die Regung verlangt. VOL. II.

IO

So sah man damahls auch den ein'gen? Opitz fliegen,
Und auf der Flügel Krafft sich wohlbedächtig triegen.
Gryph, Tscherning, Flemming, Rist, von Abschatz, Mühlpfort,

Dach,
Und zehen andre mehr sahn ihm begierig nach,
Ermunterten sich offt und spannten ihr Gefieder ;
Umsonst, der Cörper zog den Geist zur Erden nieder.
Sie stellen hier und dar an eines Verses Bord
Ein wohl-geschildert Bild, ein glücklich-kühnes Wort,
Man sieht sie manchem Ding, Geist, Thun und Wesen geben,
Das sonst unwesentlich, unthätig, leer an Leben;
Dadurch sticht ihr Gedicht mit schimmer-reichem Glantze,
Da man's nicht hofft, hervor, allein wo bleibt das gantze ?
Ob die Gedancken wahr, so sind sie auch gemein,
Die Neigung ist nicht hoch. Der Vers ist vielleicht rein,
Nach Zahlen, Mass, Gewicht, kunstmässig abgemessen,
Wär in dem Inhalt nicht Zahl, Mass, Gewicht, vergessen.
Kopf, Fuss und Glieder sind einander selten gleich;
An Wörtern sind sie mehr, als an Gedancken reich.
Fehrn ists, dass selbige sich in einander sencken,
Sie geben euch nichts heim zu fühlen noch zu dencken,
Dieweil es ihnen fehlt an Philosophschen Geist,
Der den Poeten erst in seinen Vortheil weisst,
Bis auf den innern Grund der Dinge durchzudringen.
Daran war Opitz reich und zog aus allen Dingen
Der Wahrheit schönste Zierd und beste Kraft herbey ;
Dadurch ward sein Gedicht inwendig schön und neu.
Die andern fliegen auf, damit sie plözlich fallen,
An eignem Leben leer, gleich aufgeschlagnen Ballen.

Gryph wusste noch nicht wohl, was recht zu wissen ist,
Eh man die Satzungen des Trauer-Spieles list,
Wie durch Beschreibungen die Sachen auszudähnen ;
Wie künstlich aufzuziehn, wie artig zu beschönen ;
Wodurch das süsse Leid und Schrecken sich erweckt ;
Durch was für Schlüssel man des Herzens Spring entdeckt.

20

30

1 einzigen.

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