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Das Märchen von König Drosselbart. Drama in 5 Aufzügen

von Friedrich Röber.

Für den Denker und Dichter ist die Natur unbegränzt und das menschliche Herz unerschöpflich, deshalb ist Wissenschaft und Kunst unvergänglich und ewig neu, wenn sich die Poesie auch nach unwandelbaren Formen ausspricht und sie daher demjenigen, der die Poésie unbewusst auf sich wirken lässt, wie eine vertraute Bekannte vorkommt. Die Wahrheit dieses Satzes erkannten wir auch bei der Beurtheilung des Märchens von König Drosselbart von F. Roeber. Das eigentlich nach 2 Märchen gedichtete Drama hat dennoch eignes Leben, wie Shakspeare's zahlreiche Stücke, denen meist italienische Novellen zu Grunde liegen, und liefert für unsern Dichter den unbezweifelten Beweis, dass er nicht blos interessante dramatische Dichtungen, sondern wirkliche Schauspiele schaffen kann, für die der Zuschauer sich interessirt. Unverkennbar war bei der ersten Aufführung dieses Dramas in Elberfeld, der Vaterstadt des Dichters, die regste Theilnahme an der sich rasch entwickelnden Handlung und dem durch Leidenschaft und Charakter motivirten Wort, und sie ging in gerechter Würdigung auf den Dichter und die Darsteller über, welche ein Gemälde menschlicher Thorheit und menschlicher Leidenschaft, von der Liebe verklärt, vor die Augen stellten, das eben so die Seele rührt wie entzückt und durch die Pracht der Einkleidung, durch Zeit und Ort, wie durch den Zauber der Sprache in das Land der Phantasie versetzt, die wahre Heimat des Glücks. Die Intrigue des Dramas hat mit dem Parcival von Halm auf den ersten Blick viel Aehnlichkeit und tritt, wie sie, an eine ästhetische und psychologische Gränze, die Roeber inne hält, da sein Philipp den Gegenstand seiner Liebe quält, um ihn zu heilen, während G. mit ihm spielt aus Uebermuth.

In der Schlusscene, die rasch und correct gespielt werden muss, um ihre Wirkung nicht zu verfehlen, konnte nach unserer Meinung, um diesen Unterschied bemerklich zu machen, der jähe Uebergang durch einige Worte, welche schildern, was im Gemüthe der Heldin vorgeht, die ihre Prüfung überstanden hat, näher erläutert, oder vielmehr vermittelt werden. Die Intrigue ist die des Grimm'schen Märchens und deshalb hat der Dichter dem Drama auch wohl den Titel König Drosselbart gegeben und nicht etwa den jedenfalls romantischeren, die Gräfin von Toulouse oder der Graf von Navarra, der dann freilich einen Land und Zeit entsprechenden Namen hätte haben müssen, wenn das Schauspiel dem Märchenreich entzogen, mehr einen historischen Hintergrund haben sollte.

Ist die Intrigue das erste im Schauspiel, so unbedingt die Characterisirung das zweite Erforderniss, und in dieser hat Röber sich vorzüglich bewährt, wenn auch, wie gesagt, der schnelle Uebergang von einer Empfindung zur entgegengesetzten bei Vater und Tochter uns nicht überall motivirt scheint und wir einzelne Gedanken und Sentenzen hinzuwünschten. Der Character Philipps ist, wie in der Natur der Sache liegt, nicht rein von dem Vorwurf einer feinen Selbstsucht, die auch die ausgesuchtesten Mittel nicht verschmäht, um glücklich zu werden, und wenn er nicht der Intriguant, sondern der Held des Stückes sein soll, so ist noch mehr zu betonen, dass er nicht sein, sondern ihr Glück sucht, indem er die ernste Komödie spielt. Der Darsteller hat auch durchscheinen zu lassen, wie sein Herz empfindet, indem er in allem Ernst gegen seine Geliebte und ihren Vater seine Rolle spielt.

t Eben so durchdacht und gelungen wie Intrigue und Characteristik ist die Oeconomie des Dramas und ergreifend die Katastrophe. Die meisten unsrer jetzigen berühmten Dichter verstehen es, interessant zu exponiren und durch einen geistvollen Eingang zu fesseln, dem aber die Durchführung nicht entspricht, da sie abfällt und häufig der Ausgang Leser und Zuschauer unbefriedigt lässt. Anders bei Röber, bei dem das dramatische Interesse sich

im Verlauf der Handlung steigert, im 3 und 4 Akte culminirt und im 5 Akte ganz befriedigt und noch mehr ergreifen wird, wenn derselbe rasch verläuft, Toulouse, der Vater, mehr hervortritt, und Isabelle noch eine Gelegenheit findet, den Umschwung wie in ihrem Leben, so in ihrem Gemüthe auszudrücken. Die edle Sprache, welche im ganzen in fliessenden Jamben gedichteten Drama herscht, wird dann dort ihre Wirkung eben so wenig verfehlen, wie in der Schilderung, die Philipp von seiner Mutter macht oder Isabelle von der Falkenbeize und an allen Stellen, in denen der Dichter der Sitte und der Freiheit Worte leiht.

Dr. C. A. W. Kruse.

Licht, Freiheit, Vaterland!

Von Wilhelm Ranke. Berlin, 4. März 1861. Selbstverlag des Verfassers.

Unter den Sammlungen vaterländischer Gedichte möchte sich diese auszeichnen. Sie enthält nur 38, in vier Abtheilungen zerfallende, sich auf die neuesten Ereignisse beziehende, aber treffliche, geist- und gedankenreiche, und, ich würde hinzusetzen, auch in der Form tadellose Gedichte, wenn nicht strenge Beurtheiler an einigen unreinen Reimen, z. B streichen und geigen, Juden und bluten, nach und mag, Anstoss nehmen dürften. Aber theils wird man durch ungewöhnliche, z. B. achtzig und macht sich, vierzig und irrt sich, theils und noch mehr durch den freilich eben nicht neuen, aber stets zu wiederholenden, zur That aufrufenden, leider bis jetzt noch immer erfolglosen Inhalt reichlich entschädigt, und um so stärker gedrungen, eine solche Licht, Freiheit und Vaterland" athmende Muse zu empfehlen und ihr in dem Herzen Deutschlands einen hellen Anklang zu wünschen.

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So viel Lob verdient wohl ein paar Proben sowohl von dem Ernst, wie von der theilweise scherzhaften Einkleidung. Der Schluss des zweiten, „die Sünde" betitelten Gedichtes heisst:

Wacht auf, ihr Christen insgesammt! Lasst uns
die andre Seite der Religion,

den Frieden und die Freude, die der Engel
bei der Geburt des Heilands allem Volk
verkündet hat, zur Glaubenssatzung machen!
Seid fröhlich und getrost! Ein neuer Himmel,
der Himmel tiefsten Seelenfriedens, wölbe
sich über uns! Und eine Friedenserde,
geschmückt mit Palmen, Lilien und Rosen,
ein lieber Wohnsitz milder Christusseelen,
begehe bald den Auferstehungsmorgen!
Die Freude sei die gute heilige Macht,
woraus der Glaubenskeim in uns entspriesst.
Nur Menschenliebe, Mitleid, Hoffnung, Freude
soll unsre Predigt, unser Opfer sein.

Dem König von Neapel sind zwei Gedichte gewidmet; das erste ist überschrieben eine Komödie," deren Anfang an ein bekanntes Volkslied

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erinnert:

Der König schickt den Henker aus,
er soll Garibaldi hängen.

Freund Henker, ich gab dir viel Arbeit;
jetzt zeige deine Dankbarkeit!

Doch der Henker hängt Garibaldi nicht,
und kommt auch nicht nach Hause.

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Die zweite Strophe fängt an: „der König schickt die Daumschraub' aus, sie soll den Henker schrauben;" die dritte: „Der König schickt die Zange aus." Zuletzt gibt der Dichter, oder vielmehr „eine weibliche Stimme" den Rath: Wozu das Zwicken? | Wozu das Drücken? Warum durch den Henker allein regiren? | Warum alle Höhen mit Galgen zieren? Die Welt verträgt es nun einmal nicht. | Bist jung, schäme dich nicht der Besserung! | Gebrauche deine Macht, doch ohne Kerkernacht!" Das zweite „eine Tragödie" überschriebene Gedicht beginnt: „Er steht und wendet sich. | Im Donner der Kanonen verliert er die Kanonenfurcht." Weiterhin heisst es: Und neben ihm seht | die huldvolle Königin, getroffen von Bombensplittern mit dem Lächeln eines Engels in dunkler Kasematte_weilend. | Sie ruft zum Himmel: Hier liege mein Gebein! Ich kenne nur Tod, nicht Flucht." Und gegen den Schluss: „Und doch! | Tiefsinniges Schicksal! | Unglückselige Grossthat! Das Herz seines Volkes bleibt kalt für ibn; | das Blut seiner Tapfern fliesst nutzlos dahin.“

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In dem Schlussgedicht „die Eiche" mögen noch die beiden ersten und die beiden letzten Strophen von den angedeuteten kleinen Fehlern wie von den grösseren Vorzügen dieser Dichtungen Zeugniss ablegen:

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Vier Jahreszeiten von Goethe.

Gedichtet 1796. Gedeutet 1860 von Martin. Berlin, Nicolaische Verlagsbuchhandlung (G. Parthey), 1860.

Auch dieses in elegantester Ausstattung recht zum Geschenk geeignete Büchlein darf zum Beweise dienen, dass über Goethe noch nicht zu viel geschrieben worden ist und dass auf Erläuterungen durch Philologen und Schulmänner wie Düntzer und Viehoff „Deutungen" folgen müssen, welche die Tiefen der Dichtung aus genauer Kenntniss der Gesammtentwicklung jenes grossen Mannes zu erschöpfen versuchen. Herr Martin hat es übernommen, den Nachweis zu führen, dass die „vier Jahreszeiten“ keine losen Distichen sind, sondern einen innern Zusammenhang haben, und zwar um die Jahreszeiten des Lebens zu schildern; es ist dieses durch eine Deutung geschehen, welche sich fast ganz fortlaufend lesen lässt, und jedenfalls die nie genug gekannte Fülle der herrlichsten Gefühle und Gedanken deutlich hervorhebt. Der Verfasser scheint uns ein Mann, der sich liebevoll in Goethe hineingelesen hat, und ist offenbar kein Parteimann auf staatlichem, kirchlichem oder pädagogischem Gebiete; vielmehr schon in vorgerückterem Alter, in welchem Ruhe der Gesinnung einzutreten pflegt, was grade die Deutung des Winters" zu beweisen scheint. Diese Eigenschaften sind aber auch unsres Bedünkens für eine höhere Auffassung Goethe'scher Werke nöthig, denn Goethe war, was ihm die Parteimänner mit Recht verargen, weil sie eben nicht anders können, weder ein heidnischer Atheist noch ein aristokratischer Höfling. Er war kein Ernst Moritz Arndt, dessen christlichem Boden und deutscher Vaterlandsliebe entsprossene Dichtungen Deutschland liest und singt, allein trotzdem ist doch die Auffassung eines Ooferzee viel zu engherzig, welche vor dem Dichter Goethe warnen will. Das, was Goethe war und bleibend sein wird, konnte er garnicht anders als gerade so sein und in diesem Bezuge geben auch die vier Jahreszeiten die schönsten Lehren, vollends wenn sie uns erschlossen worden, wie es im vorliegenden Büchlein geschieht. Wir verweisen auf S. 83 bis 85. Die vier Jahreszeiten des Lebens gehen so vorüber wie Goethe beschreibt und nicht allein die gebildete Frau, auch der ältere Mann wird sich sagen müssen, so ausgelegt vermöge ihm die Goethe'sche Dichtung erst recht zu genügen.

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Wer Distichen geschrieben hat, wie:

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Was ist das Heiligste? das was heut und ewig die Geister
Tiefer und tiefer gefühlt, immer nur einiger macht.

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oder wie:

Willst du, mein Sohn, frei bleiben, so lerne was Rechtes und halte
Dich genügsam und nie blicke nach oben hinauf!“

das war, wir wiederholen es, kein heidnischer Atheist, kein aristokratischer Höfling. Die Vollendung der Kunst, ein wie keine andre an Ereignissen reiche Zeit, poetisch aufzufassen, das Panorama zweier Jahrhunderte an sich vorüberziehen zu lassen, in lauterster Harmonie sich selbst sicher zu bewegen, dieses alles ist Goethe's unvergleichliche Grösse.

Einer der Versuche, recht innig in diese Tiefe des einzigen Mannes einzuführen, ist das vorliegende Buch. Philologen und Commentatoren finden nichts für sich, allein es ist ein Büchlein für Jung und Alt, für alle jene Kreise, in denen man es liebt, sich aus dem Altagsleben in reinere und edlere Regionen zu erheben.

D.

Schottische Volkslieder der Vorzeit. Im Versmass des Originals übertragen von Rosa Warrens. Hamburg, Hoffmann und Campe. 1861.

Die Verfasserin hat schon im Jahre 1857 schwedische und im J. 1858 dänische Volkslieder der Vorzeit herausgegeben, jetzt folgen die schottischen, die isländischen, norwegischen, färöischen und holländischen werden versprochen und es soll zum Schlusse eine Auswahl deutscher Lieder folgen, um so die germanischen Volkslieder (Balladen, Weisen) in ihrer Gesammtheit der deutschen Leserwelt vorzuführen. Die 39 scottish ballads, welche wir in dieser Sammlung finden, sind mit grosser Gewandtheit übertragen, so dass man den eigenthümlichen Geist der Volksdichtung recht deutlich darin wiederfindet. Manche derselben gehören übrigens offenbar einer spätern Zeit an, in welcher das ursprünglich Epische jener Balladen schon in das mehr Lyrische überzugehen anfing, z. B. Lord Lovel (25), die beiden Raben (19). Das Wissen der Verfasserin um alle solche Gegenstände zeigen die beigefügten sehr lehrreichen Erläuterungen, deren Hauptverdienst darin besteht, dass sie die ähnlichen Dichtungen anderer germanischer Nationen vergleichen. Die schottischen Balladen theilen mit den schwedischen die Eigenthümlichkeit der Refrains, nicht allein derer am Ende, sondern oft auch in der Mitte einer Strophe und zwar scheint diese Form nicht die ältere zu sein. Da die Verfasserin durch ihre gelungenen und gediegenen Arbeiten ein Gesammtbild der germanischen Volkspoesie der Vorzeit geben will, so bietet sie hoffentlich mit dem Schlussbändchen eine Abhandlung über die Stellung, welche die verschiedenen Nationaldichtungen zu einander einnehmen, die Gleichheiten und Gegensätze derselben, die heidnischen und christlichen Elemente, die Refrains u. s. w., was gerade einem feinen poetischen Geiste am klarsten zu werden pflegt. Die Verfasserin lebt, wie wir hören, in Hamburg und ist eine jüngere Schwester des bekannten österreichischen Publizisten; das vorliegende Büchlein ist den Manen Alexander von Humboldts dargebracht, welcher die Dichterin bei einem Aufenthalte in Berlin mit liebenswürdiger Freundlichkeit empfangen hatte.

M. R.

Niederdeutsche Sprichwörter und Redensarten, gesammelt und mit einem Glossar versehen von Karl Eichwald. Leipzig, 1860. Verlag von H. Hübner.

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Anlage und Ausführung der vorliegenden wenn wir nicht irren pseudonymen Sammlung tragen mehr den Stempel eines Privatvergnügens, als den einer wissenschaftlichen That. Der Verfasser lässt uns gänzlich darüber im Dunkeln, ob er Sprichwörter aus ganz Niederdeutschland oder nur aus einem Theile desselben gesammelt und in Einen Dialect übertragen hat, ob er aus dem Munde des Volkes selbst geschöpft oder Vorhandenes nur zusammengestellt oder Beides gethan hat. Wir nehmen das Letztere an, wünschten aber wol, dass der Verfasser wenigstens seine Fundorte (wahrscheinlich meist Bremer Gegend) angegeben hätte. Vollständiger und dadurch werthvoller wäre jedenfalls die Sammlung geworden, wenn der Verfasser ausser den S. 92 angegebenen Quellen recht fleissig Dähnert's plattdeutsches und Danneil's altmärkisches Wörterbuch, Schwerin's Altmärker, Höfer's Sammlung und besonders Schütze's holsteinisches Idiotikon benutzt

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