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wisser Buchstaben im Facsimile der White'schen Ausgabe, worauf jener Bezug genommen, nicht deutlich wiedergegeben sei. Nach seiner Ansicht sei die auch vom Herausgeber vertretene Behauptung, das Ormulum stamme wahrscheinlich aus Peterborough, durchaus unhaltbar, sowohl wegen der verhältnissmässig geringen Entfernung dieser Stadt von London und den Theilen Englands, in welchen der westsächsische Dialekt geherrscht habe, als auch ganz besonders, weil nach den Angaben Orm's dieser selbst und sein Bruder Augustiner gewesen seien, wogegen die Mönche in Peterborough einem andern Orden angehört haben. Herr Raymond las in französischer Sprache über die Literatur des zweiten Kaiserreiches.

Herr Beauvais theilt aus seiner Privatcorrespondenz anziehende Details über den provenzalischen Dichter Mistral mit.

Herr Mahn spricht über die Herkunft des Wortes blasé.

Herr Lowenthall überreicht den einheimischen Mitgliedern Exemplare seines in der 48. Sitzung gehaltenen Vortrags.

50. Sitzung, 19. Februar 1861. Hinsichtlich Herrn Kannegiesser's Vortrag über den standhaften Prinzen von Calderon siehe Archiv, Band 29, pag. 1.

Herr Lasson bespricht und empfiehlt die Geschichte der poetischen Literatur der Deutschen von Herrn Werner-Hahn und die neu gegründete Zeitschrift: Unser Vaterland, redigirt von Heinrich Pröhle.

Herr Leo theilte aus dem neulich von ihm besprochenen Stücke Heibergs: Eine Seele nach dem Tode (Archiv, Band 28, pag. 422) den Abschnitt: die Hölle in metrischer Uebersetzung mit.

Herr Raymond setzte seinen Vortrag über die Literatur des zweiten Kaiserreichs fort.

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51. Sitzung, den 3. März 1861. Herr Schmidt gab eine Fortsetzung seiner Untersuchungen über die Sprache des Ormulum und ging besonders auf das Accentuationssystem ein. Den einfachen Acut erklärt er in Uebereinstimmung mit dem Herausgeber des Werks für identisch mit dem Acut angelsächsischer Handschriften (Grimm's apex ^) und machte darauf aufmerksam, dass derselbe vorzugsweise, wenn auch nicht consequent, neben dem Zeichen der Kürze (~) angewandt werde, um sonst gleichlautende Wörter zu unterscheiden, den doppelten und dreifachen Acut erklärte er für ein orthoepisches Zeichen, um neben der Länge auch Breite des Vocals anzudeuten. Dies wurde an zusammengezogenen Silben nachgewiesen und in Bezug auf ä (a) durch Vergleich altenglischer Wörter, welche bald a bald o darbieten, die Vermuthung ausgesprochen, dass es derselbe Vocal wie in water (Walker's å) sein müsse. Es sei bisher nicht darauf geachtet worden, dass alle Silben mit doppelt (dreifach) accentuirtem Vocal auf t auslauten und dass andrerseits solche Silben stets einen doppelt accentuirten Vocal

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enthalten; die vereinzelten Ausnahmfälle beschränken sich theils auf einen T-Laut, theils seien sie vielleicht nach der Handschrift zu berichtigen. Herr Lessing schilderte Leben und Schriften des verstorbenen Theodor Mügge. Die Ehrenhaftigkeit des Dahingeschiedenen, seine politische Unwandelbarkeit, seine bürgerlichen Tugenden, seine schriftstellerischen Leiden und Erfolge wurden in das gebührende Licht gesetzt. Ergötzliche Züge von der Aengstlichkeit jener Censur, mit der auch Mügge zu kämpfen hatte und viele unerwartete Antithesen belebten den Vortrag und milderten den an und für sich düsteren Charakter des Nekrologs.

Herr Tschéredéeff hielt einen Vortrag über die Entwicklung der russischen Literatur, dessen Inhalt durch das Archiv anderweitig mitgetheilt werden wird.

Herr Pröhle ist von der oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz, welche einen bedeutenden Preis für die beste lausitzische Sagensammlung ausgesetzt hat, um ein Gutachten über eine eingegangene Sagensammlung ersucht worden. Da er den Beschluss der lausitzischen Gesellschaft seiner Zeit mittheilen wird, so kommen unsere Sitzungsberichte noch einmal auf die Angelegenheit zurück. Eine Sage,,, Die heutigen Wendenkönige" las Pröhle aus der ungedruckten Sammlung vor.

52. Sitzung, den 9. April 1861. Herr Staedler stellt die Frage: Giebt es im Italienischen Diphthongen? - Gegen viele Grammatiker, unter andern gegen Blanck, stellt er als Resultat seiner Betrachtungen auf, dass es nur fünf Diphthongen im Italienischen gebe: oi, au, ei, eu, ei oder auch sechs, wenn man ui in Wörtern wie cui, altrui, lui hierher zählt. Er macht der romanischen Grammatik überhaupt den Vorwurf, das Wesen der Diphthongenbildung nirgend untersucht zu haben. Sich gründend auf eine Eintheilung der Vocale in reine (o, a, e) und consonische (i, u, weil diese Neigung haben, in Consonanten umzuschlagen), nimmt er an, dass ein Diphthong überhaupt nur entstehen könne durch die Verschmelzung eines der reinen Vocale mit einem ihm nachfolgenden und den Accent nicht tragenden u oder i. Das blosse Zusammentreffen zweier beliebigen Vocale bringt keinen Diphthong hervor, wie sie deren italienische Grammatiken irrthümlich aufführen. U und i vor Vocalen sind häufig entweder orthographische Zeichen oder consonischer Natur. Da der Vortragende seiner Ansicht über die Natur eines Diphthongen eine allgemeine Gültigkeit für alle Sprachen beizulegen schien, so setzten Herr Hermes der aufgestellten Regel widersprechende Fälle aus dem Gebiet des Althochdeutschen, Herr Sachse aus dem Gebiete des Niederdeutschen entgegen. Herr Lowenthall stellte seine aus einem früheren Vortrage bekannte Theorie der Lautbildung gegenüber.

Herr Mahn untersuchte etymologisch die englischen Wörter pedigree und peruse und die italienischen ramarro und pedante. Nachdem er in gewohnter Weise der bisher versuchten Deutungen dieser

Wörter gedacht, stellt er als schliessliches Resultat hin 1) per degré als das auch von Skinner gegebene Etymon von pedigree, 2) pervise als das des durch falsches Lesen (u für v) entstandenen peruse, 3) pedagogante als das des verstümmelten pedante, 4) rame, Kupfer, als das des mit dem Suffix arro versehenen ramarro, woraus das bei Diez gegebene romagnische mar erst verkürzt sei, und wofür der deutsche Name,,Kupfereidechse" spreche.

Herr Rudolph sprach alsdann über deutsche Stilübungen auf Schulen. Er gedenkt dabei der hierauf gerichteten Aufmerksamkeit Friedrichs des Grossen, wie sie in einem Giesebrechtschen Programme geschildert ist, stellt als Grundsatz auf, dass sich der Lehrer mehr mit dem zu beschäftigen habe, was dem Aufsatz vorangeht, als mit dem, was ihm folge, und überreicht dann sein Handbuch für den Unterricht in deutschen Stylübungen, das namentlich Material zu Thematen bietet. Herr Werner-Hahn spricht über das Trauerspiel: Der gestürzte Marggraf von Ancre von Christian Weise, 1679, (Siehe Archiv, Band 29, Seite 37 und ff).

Am Schlusse dieser Sitzung wird über die Stiftung eines Fonds zur Unterstützung von Studirenden der neueren Sprachen berathen, eine solche Stiftung beschlossen, und die Ausführung einem Comité überragen.

53. Sitzung, den 7. Mai 1861. Herr Hermes las über die Natur der amerikanischen Indianersprachen. Zu richtiger Würdigung dieser Sprachen erinnert er zuvörderst an die Eintheilung der Sprachen in vier Gruppen nach dem Eintheilungsprincip der Bezeichnungsweise der Beziehungsformen: 1) der flexionslose chinesische Bau, bei dem die Beziehungsformen gar nicht ausgedrückt werden, 2) der flexivische Sanskritstamm, der die Beziehungsformen durch an sich bedeutungslose Flexionslaute drrstellt, 3) der agglutinirende hochasiatische Sprachbau, bei dem die Beziehungsformen auf ähnliche Weise wie der Gedankeninhalt, nämlich durch angefügte schwerere Lautgruppen ihren Ausdruck finden und demnach Inhalt und Form sich vermischen, 4) der einverleibende amerikanische Sprachbau, von Wilhelm von Humboldt wegen der Einverleibung der verschiedenen Satzbestimmungen in das Verbum so genannt und von ihm namentlich an der mexikanischen Sprache nachgewiesen. Steinthal fügte die Betrachtung der grönländischen Sprache hinzu. Der Vortragende setzte sich alsdann zur Aufgabe, die Gleichartigkeit des Sprachbaus in den Indianersprachen nachzuweisen und unter Aufdeckung des Ursprungs der Einverleibung das Wesen derselben anders als bisher geschehen, zu bestimmen, und die Einverleibung als ein in America aufgeblühtes Reis des hochasiatischen Sprachstammes wahrscheinlich zu machen. Die sich darbietenden Quellen sind dürftig, und, soweit sie von spanischen, englischen und andern Missionären herrühren, mit grosser Vorsicht zu gebrauchen. Selbst Dupouceau's in Paris gekrönte Preisschrift zeigt den gewöhnlichen Fehler der

überseeischen Bearbeiter, dass sie, von den grell auftretenden Spracheigenthümlichkeiten geblendet, über den äusseren Effect der Sprache das innere Prinzip derselben übersehen oder verkennen. Was die indianische Lautlehre betrifft, so ist zuerst das Vorwiegen der Vocale hervorzuheben. Nach dem Besitze oder Mangel von r und 1 zerfallen alle americanischen Sprachen in zwei Gruppen, R-sprachen und L-sprachen. So haben die Delawaren, Tsiroki - Mexicaner nur 1, dagegen die Nadowessen, Huronen, Peruaner nur r. Den Muhhikanern fehlen beide Laute und sie setzen dafür n. Wahrscheinlich fehlt allen Stämmen der Lippenlaut f, welcher durchgehende Mangel ihre Verwandtschaft bethätigt. Auch w klingt wie der Vokal u, und die Abneigung gegen Lippenlaute zeigt sich bei den Huronen besonders stark, die auch b und m nicht kennen und z. B. Auen sagen statt Amen. Eigenthümliche Mischlaute sind mexicanisches tl und x, deren letzterer ein aspirirtes s ist, so dass die Aussprache Meschiko dem Richtigen näher kommt als Mejiko. Zu den Eigenthümlichkeiten der americanischen Sprachen gehört auch die besondere Art des in ihnen hervortretenden Geschlechtes; der hochasiatische Sprachstamm, der tartarisch-mongolische kennt kein grammatisches Geschlecht, doch unterscheidet er oft die Pluralbildungen bei Namen belebter Wesen von denen der unbelebten Dinge. Diese Anlage zur Zweitheilung in ein belebtes und unbelebtes Geschlecht wurde in der neuen americanischen Heimat bis in's Feinste ausgebildet, so dass hier recht deutlich die Verwandtschaft zwischen America und Hochasien

zu Tage tritt. Was die Verwandtschaft aller americanischen Sprachen am deutlichsten bekundet, ist die Gleichartigkeit des Satzbaus. An dem Satze ni-na-qua, ich-Fleisch-esse machen W. v. Humboldt und ebenso Steinthal in seiner vortrefflichen Arbeit (Charakteristik u. s. w.) das Wesen der Einverleibung anschaulich; drei Vocabeln sind dadurch in Beziehung und zwar in die von Subject, Object und Prädicat gesetzt, dass sie in ein Wort zusammengefasst wurden. Allein, da man hienach glauben müsste, dass die americanischen Sprachen in lauter langen Wörtern, deren jedes einen Satz bezeichnet, einherschreite, was durch den ersten besten indianischen Bibeltext widerlegt wird, und weil auch kein entfernteres Object einverleibt wird, so hat der Vortragende die Einverleibung anders zu bestimmen gesucht. Er sieht sie nicht als das Prinzip des Satzbaues, sondern als eine secundäre Erscheinung an, deren Anfänge, wie die des americanischen Geschlechtes, sich schon im mongolisch-tatarischen Sprachstamme zeigen. Den Beweis dafür behält er sich für eine andere Sitzung vor.

Herr Beauvais spricht über die Entstehung und Deutung einiger französischen Redensarten und Sprichwörter.

Das in der 52. Sitzung gewählte Comité schlägt zum Zwecke der Stiftung des in Rede stehenden Fonds öffentliche Vorträge aus der Literaturgeschichte der neueren Sprachen vor. Der Vorschlag wird

angenommen. Zur Förderung der Angelegenheit ist in der 54. Sitzung ein definitives Comité zu wählen.

54. Sitzung, den 10. Juni. Herr Kuhlmey liest über Schiller's Einzug in Berlin und Räuber Moor's Schicksal.

Herr Raymond theilt ungedruckte Briefe der Madame d'Houdetot an J. J. Rousseau mit, deren Herausgabe er beabsichtigt.

Das definitive Comité (s. Sitzung 53) wird gewählt. Schliesslich legte der Vorsitzende der Gesellschaft nachstehende Mittheilung von dem correspond. Mitgliede Herrn W. L. Rushton in Liverpool vor, welche über Shakspeare's Tenures handelt:

Homage.

Homage is the most honourable service and most humble service of reverence, that a frank tenant may do to his lord.

Lo, in the orient when the gracious light
Lifts up his burning head, each under eye,
Doth homage to his new appearing sight,
Serving with looks his sacred majesty.

Sonnet VII.

For when the tenant shall make homage to his lord, he shall be ungirt, and his head uncovered, and his lord shall sit, and the tenant shall kneel before him on both his knees, and hold his hands jointly together between the hands of his lord, and shall say thus: I become your man from this day forward aud unto you shall be true and faithful, and bear to you faith for the tenements that I claim to hold of you, saving the faith that I owe unto our sovereign lord the king; and then the lord so sitting shall kiss him. (Litt. Sec. 85.)

Prospero.

To have no screen between this part he play'd
And him he play'd it for, he needs will be
Absolute Milan: Me, poor man!
my library
Was dukedom large enough; of temporal royalties
He thinks me now incapable: confederates

(So dry he was for sway) with the king of Naples,
To give him annual tribute, do him homage;
Subject his coronet to his crown, and bend
The dukedom, yet unbow'd, (alas, poor Milan!)
To most ignoble stooping.

Tempest Act 1 Scene 2.

The reader will perceive that Shakspeare connects the act of stooping or kneeling with doing homage; which is stated by Littleton, to be a necessary formality in that most honourable, and most humble service of reverence that a frank tenant may do to his lord.“

"9

Third Outlaw.

What say'st thou? wilt thou be of our consórt?
Say, ay, and be the captain of us all:
We'll do thee homage, and be rul'd by thee,
Love thee as our commander, and our king.

Two Gentlemen of Verona Act 4 Scene 2.

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