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liessen sie die gröbsten und niedrigsten Arbeiten verrichten, und in einem kummervollen Leben hinschmachten, dem der Tod weit vorzuziehen war, und wovon sie meistens nur dieser befreien konnte. Kriege waren also von Seiten der Europäer in doppelter Hinsicht edel als Vertheidigungskriege nicht bloss der irdischen Güter, sondern auch des höchsten Kleinods, der Religion. Zur grösseren Sicherheit musste den Spaniern und Portugiesen viel darauf ankommen, in Afrika selbst festen Fuss zu fassen, und die räuberischen, grausamen Muhamedaner weiter zurückzudrängen. Dies war dem portugiesischen Könige Eduard gelungen. Er hatte die Seestadt und Festung des Königes von Fez, Ceuta, erobert, es war ein christlicher Ort geworden, christliche Kirchen waren erbaut, christlicher Gottesdienst wurde gehalten. In der Hoffnung, das Glück werde ihm noch ferner hold sein, und mit der Absicht, noch eine maurische Stadt, nämlich Tanger, einzunehmen und zugleich gefangene Christensclaven zu befreien, schickte er seine Brüder Fernando und Enrique mit einer bedeutenden Flotte ab. Bei dem ersten Angriff siegen sie auch, und Fernando nimmt sogar den Anführer des Königs von Fez gefangen, schenkt ihm aber grossmütig die Freiheit. Kaum jedoch ist dies geschehen, so erscheint ein neues doppeltes Heer von Fez, sowie von Marokko, dessen König Tarudante sich um Phönix, die Tochter des Königes von Fez bewirbt, und der jenen desswegen mit seinen Truppen unterstützt. Die Portugiesen werden umzingelt, geschlagen und die beiden Prinzen selbst gefangen genommen. Der König von Fez schickt den einen derselben, Enrique, nach Portugal an dessen Bruder, den König, zurück, und ist bereit unter der Bedingung, dass Ceuta wieder ausgeliefert werde, den Fernando frei zu lassen. Enrique berichtet bei seiner Zurückkunft nach Afrika, König Eduard sei vor Kummer über das gescheiterte Unternehmen und über die Gefangenschaft seines Bruders Fernando gestorben, habe aber in seinem letzten Willen geboten, die Bedingungen des Feindes einzugehen. Fernando will aber um diesen Preis nicht frei sein, obgleich er voraussieht, dass er von nun an die grössten Leiden zu ertragen haben werde. Der erzürnte König von Fez befiehlt auch sogleich, dass man ihn den geringsten Sklaven gleich halte, und so erliegt der

er

Prinz, doch ehe Hülfe kommt. König Alfonso nämlich, der seinem Vater auf den portugiesischen Thron gefolgt ist, scheint mit einem grossen Heere, besiegt die Feinde, empfängt aber statt des lebenden Fernando nur dessen Leiche.

Dies ist der Inhalt des Trauerspiels, der freilich von der Geschichte in einigen Punkten abweicht, indem der Verfasser sich seinem Zwecke gemäss der dichterischen Freiheit mit Recht bediente. Das Benehmen des Prinzen in seiner Gefangenschaft und sein Tod ist der eigentliche Kern des Stücks. Fernando ist der Christ im Leiden, er stirbt den Märtyrertod, er ist ein vollkommener Charakter, er ist rein und unbescholten als Mensch, in allen Lagen, worin er uns vorgeführt wird, als Krieger, Bruder, Unterthan, Freund, Genosse, er ist mehr als das, er ist echt christlich, und ich wüsste nicht einen einzigen Gedanken, eine einzige Rede des Fernando anzuführen, die nicht dieser Bezeichnung entspräche. Die Untadelhaftigkeit und Christlichkeit des Zuges, welchen er befehligt, ist schon vorher erwähnt. Dem gemäss spricht er bei seiner Landung in Afrika, es sind seine ersten Worte:

Ich muss der erste sein, die sandgen Fluren,
Du schönes Afrika, dir zu berühren,
Auf dass, gedrückt von meiner Tritte Spuren
Die starke Macht dein Nacken möge spüren,

Die dich soll zähmen. Da indess die Rechtmässigkeit des Krieges als unbestritten angenommen wird, so ist in dem Stücke nicht weiter davon die Rede.

Fernando ist demnach der Held der Tragödie. In der kleinen vorher angeführten Schrift „Leben des standhaften Prinzen lautet der Schluss so: ,,Don Fernando von Portugal, Grossmeister des Avizordens, starb in einem Alter von 40 Jahren, 8 Monaten und 7 Tagen, von welchen er 5 Jahr, 9 Monat in der Gefangenschaft zugebracht hat. Das schöne Ebenmass seines zartgebauten Körpers, die Klarheit seiner Farbe, der Adel seiner Züge, das stille Feuer seines Auges gewannen einen Jeden, der ihn sah, bevor Krankheiten und Leiden, denen wol ein Stärkerer ohne Hülfe von oben nicht so lange widerstanden hätte, die schöne Hülle zertrümmerten und die Bande des ungern bienieden weilenden Geistes löseten. Von diesem keuschen, frommen, tapfern Ritter hat Niemand je ein böses oder unlauteres Wort gehört. Der sich in Demut vor Gott einen strafwürdigen Sünder nannte, erschien in den Augen seiner Mitmenschen, selbst seiner Feinde, als ein Gerechter, ein Heiliger. Ja mit voller Wahrheit darf man von ihm sagen: sein ganzes müherolles Leben war der klare Wiederhall seines einfachen innigen Wahlspruches: Le Bien me plait.“

So weit der portugiesische Berichterstatter, dessen Schilderung zufolge man sich Fernando als einen innerlich und äusserlich ausgezeichneten Mann zu denken hat. Von dem Aeusserlichen hat Calderon nun wol kaum einen Wink gegeben, weil Vorzüge dieser Art für den Hauptgedanken des Trauerspiels zu geringfügig und unwesentlich waren, innerlich ihn dagegen mit jener glücklichen Mischung von Lebendigkeit, Kraft, Heiterkeit und Milde ausgestattet, die zu jedem Geschäft fähig macht, von Unentschlossenheit und Bedenklichkeit wie von Uebermut und Leidenschaftlichkeit abhält, und ihm alle jene schönen menschlichen Tugenden des Mitleidens, der Grossmut, der Wohlthätigkeit, der Selbstverläugnung, ja auch alle geselligen Vorzüge und zwar mit jenem einnehmenden-Gepräge der damaligen Ritterlichkeit und Verehrung des schönen Geschlechts mitgetheilt. Er übertrifft in allen diesen Eigenschaften seine Begleiter sowie die Feinde; und doch ist es dies nicht, was seinen wahren Werth ausmacht, sondern die Frömmigkeit ist es, die sich in seinen Reden wie in seinen Thaten zeigt, und wodurch diese auch ihre besondere Farbe erhalten. Obgleich aber dieser Hauptcharakter, wenn irgend einer, edel und erhaben ist, so hat ihn der Dichter doch nicht, etwa wie schlechte Maler die Lichtpartien ihrer Gemälde, durch schwarze Schatten zu heben gesucht, er hat vielmehr auf eine feinere Art ihm einige an und für sich betrachtet gleichfalls edlere Gemüter entgegengesetzt. Ja noch ein anderer und stärkerer Gegensatz scheint sich mir als rother Faden durch das ganze Gewebe zu ziehen, nämlich der Gegensatz des Christenthums und des Muhamedanismus und die Verklärung des ersteren. Das Ungöttliche und Irdische des letzteren ist die Verbreitung seiner Lehren durch Gewalt und Zwang. Diesen Charakter hat der König von Fez, sowie Tarudante, der König von Marokko und Freier der Phönix. Das Religiöse ist bei dem Einen wie bei dem Andern bereits erloschen, und es ist etwas rein Irdisches und Sinnliches übrig geblieben. Es ist nur Eroberungssucht, was den König von Fez mit Halsstarrigkeit auf die Herausgabe von Ceuta erpicht macht. Tarudante unterstützt ihn, bloss um Phönix zur Gemahlin zu erhalten. Ueberhaupt finden sich in dem ganzen Stücke nur wenige Erinnerungen an den Islam und an die Religiosität ihrer Bekenner, und diese wenigen sind überdies - unbedeutend. In der ersten Abtheilung sagt Phönix: ,,Steh mir Allah bei!“ und Muley: „Wohl nach unsers grossen Mahoms des Propheten billgem Zorne“ und derselbe zu Fernando beim Abschiede: ,, Allah woll' Dich schützen, Spanier,“ worauf Fernando antwortet: „Dir, wenn Allah Gott ist, helf er!" In der dritten Abtheilung lehrt Brito. den Fernando auf muhamedanische Art betteln: „Sprich,

Mohren lasst euch doch erflehen
Einem Armen beizustehen,
Dass er kann den Hunger stillen,
Um des heilgen grossen Zehen

Des Profeten Mahom willen.“ Weit stärker zeichnet Tieck im „Kaiser Octavian“ den Religionseifer des muhamedanischen Kaisers, der sein Götzenbild erst- anbetet und dann verflucht und zerschlägt. Die Ausführlichkeit jenes Gedichtes liess dies eher zu. Calderon hätte freilich auch mit wenigen Strichen seine Muhamedaner eben so zeichnen können, aber eben dadurch, dass er es nicht thut, will er uns vielleicht zu verstehen geben, dass seine Muhamedaner es nur noch sind, insofern sie den Christen gegenüberstehen. Sie hegen kaum einen Hass gegen die Christen als Christen, dieser ist ihnen nur noch angeerbt. Sie haben nur noch einen Schatten von Religion. Sobald aber der Mensch dies höchste Gut aufgibt, so gebricht es selbst dem Bessern an wahrem Adel. Das Recht und die Gerechtigkeit reichen nicht aus. Sonst könnten wir auch den König von Fez und Tarudante nicht tadeln. Denn was ist endlich Recht im Länderbesitz? Ceuta ist dem Könige von Fez von den Portugiesen genommen. Wer mag es ihm verdenken, wenn er es wieder haben will, wenn er es als Lösegeld für Fernando fordert? Ist er selbst halsstarrig, so dünkt er sich durch Fernando's Halsstarrigkeit dazu berechtigt. Darum antwortet er seiner Tochter, die eine Bitte für den Gefangenen einlegt:

„Nein, halt inne, Phönix, halt!
Sucht er selbst nicht sein Verderben?
Thut Fernando'n wer Gewalt,
Dass er müsste schmählich sterben?
Wenn, weil grausam er und hart
Beim gegebnen Wort verharrt,
Er so harte Strafe duldet,
Wie hätt ich an ihm verschuldet,
Was von ihm beschlossen ward ?
Steht es nicht bei ihm zu wenden
Dieses Elend und zu leben?
Steht es denn in seinen Händen,
Mag er Ceuta übergeben,

Und all seine Qual wird enden.“ Er glaubte sich vollkommen gerechtfertigt und durchaus schuldlos, wenn er dem Fernando auf seine Bitte um Erbarmen antwortet:

Weil gebracht ums Leben dich
Deine eigne Hand, nicht ich,
Hoff" Erbarmen nicht von mir:
Habe Mitleid du mit dir,

Dann, Fernando, rührst du mich.“ Und von seinem Standpunkte aus angesehen, hat er Recht. Darum sagt er bei dem Leichnam des durch die harte und sklavische Behandlung gestorbenen Fernando zu den Christensklaven:

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Christen, seht ein Denkmal hier,
Das den kommenden Zeitaltern
Die Gerechtigkeit verkünde,
Die ich übe: denn für Thaten
Wider königliche Häupter
Heisst nicht Grausamkeit die Rache.
Komm' Alfonso jetzt, er komme
Trotzig aus den Sklavenbanden
Ihn zu lösen! Sind mir schon
Grosse Hoffnungen entgangen,
Dass Ceuta das meinige würde,

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