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gehört das e dem Stamme, das a der Flexionsendung an; eben so fallen in eroe (heros Gen. herois) beide Vocale ganz verschiedenen Bestandtheilen des Wortes anheim; in ameroe ist das e der bekannte Zusatz zu amerò.

Ueberall erweisen sich also die Vocale O, A, E neben einander als durchaus selbständige Sylbenvocale und sind so weit davon entfernt, eine diphthongische Einheit auszumachen, dass überall und ohne Widerspruch die Sylbentheilung zwischen ihnen vollzogen wird und vollzogen werden darf. Nur die Dichter gestatten sich die Freiheit, zwei Vocale, welche es auch seien, nach Bedürfniss des Verses für einen zu zählen, und dadurch allein (es ist wenigstens der einzige sag- und denkbare Grund) haben sich die Grammatiker verführen lassen, jedes beliebige Zusammentreffen von Vocalen für Diphthongen anzusehen. Und doch machen selbst die Dichter, von einem richtigen Gefühl, wenn nicht von deutlichem Sprachbewusstsein geleitet, gerade in den bisher besprochenen Fällen einen äusserst sparsamen Gebrauch von dieser Freiheit.

Wie steht es nun mit den übrigen? Wenn sich die reinen Vocale nicht unter einander verbinden: womit verbinden sie sich dann? Antwort: nur mit denjenigen, welche, wie wir oben gesehen, die Eigenschaft des Consonirens haben, also mit U u. I. Wir dürfen demnach den Grundsatz aussprechen, ein Diphthong sei die Verbindung eines reinen Vocals (O, A, E) mit einem consonischen (U, I).

Allein noch ist Vorsicht nöthig. Die Vocale U und I verfallen, wenn sie einem andern Vocale vorangehen, leicht_geradezu in ihre consonische Kehrseite V und J, und hören dann auf, noch überhaupt Vocale zu sein.

Wir sehen diesen Fall, was das U betrifft, überall da eintreten, wo dasselbe bei nachfolgendem Vocal einem vorangehenden Q oder G anhaftet. In Wörtern wie quoziente, quale, querela, qui (lat. quotiens, qualis, querela, eccum hic) oder sieguo, eguale, sangue (sequor, aequalis, sanguis) ist U, indem es zwischen den Lippen gebrochen wird, schon ein leises, zartes V. Die Verbindung GU beruht oft geradezu auf einem V oder W und ist aus diesem herausgestaltet, wie in guastare (lat. vastare, althochdeutsch wastan, verwüsten), guerra (mittelhochdeutsch werre,

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Wehre), Guelfo Welf, guisa Weise. Dass in solchen Fällen, wo das U gar nicht mit dem folgenden Vocal, sondern mit dem vorangehenden Q oder G zusammengehört, von einem Diphthongen nicht die Rede sein kann, versteht sich denn doch von selbst.

Ein ähnliches Verhältniss hat bei nachfolgendem Vocal das I zu einem vorangehenden Kehl- oder Lippenlaute (Gh, Ch— B, P, F), wo es häufig ein ursprüngliches L vertritt. Beispiele: ghianda (lat. glans Eichel), chiosa (Gloffe, yλooa), chiesa (ecclesia, Kirche), chiave (clavis Schlüssel) bieco (obliquus), bianco (blank), piuma (pluma Flaum), piano (planus), fiato (flatus), fiume (Aumen, Fluß), fiore (Alos, Blume). Das L kann nicht in den Vocal I übergegangen sein,, denn es hat keinen Sinn, dass sich ein Consonant in einen Vocal umsetze; ist auch sonst nirgend nachweisbar, obschon man solchem Irrthum bei den Grammatikern öfters begegnet. Das I ist vielmehr als Consonant, als J aufzufassen und demgemäss auszusprechen, ungeachtet die Vorliebe des Italieners für den Vocal hier, wenigstens in der edleren Aussprache, eben so ein deutliches i wie nach dem vorhin besprochenen q oder g ein deutliches u zu hören wünscht. In Wahrheit haftet solch i (j) an dem vorangehenden Kehl- oder Lippenlaute und bildet darum mit dem folgenden Vocal ebenfalls keinen Diphthongen.

Dagegen macht der Italiener von dem U und I noch einen eigenthümlichen phonetischen Gebrauch vor den Vocalen O und E. Diese Vocale fordern in der offenen Sylbe den geschlossenen Laut (Suono chiuso), wie wir ihn z. B. in unserem so, See vernehmen; d. h. das O nähert seinen Klang dem u, das E dem i.*) Beispiele: trováre, seguíre. Tritt nun der verstärkende Einfluss des Accentes hinzu: so pflegen sie ihren Laut zu öffnen und dem Klange des a zuzustreben, wie wir es z. B in unserm Hort, rennt aussprechen. Dies ist dann derjenige Fall, in welchem der Italiener dem O ein u, dem E ein i vorsetzt, lediglich also um in der offenen Sylbe die durch den Accent bewirkte Lautöffnung, den Suono aperto des O

*) Siehe meine Abhandlung über den Doppelklang der Vocale in Band XXVI, Seite 190 des Archivs.

und E zu bezeichnen. Er schreibt alsdann truóvo, truóvano und siéguo siéguono. Dieser Gebrauch beschränkt sich indess nur auf einige Verba, deren Präsens - wie die eben angeführten Beispiele zeigen dazu Gelegenheit giebt, und auf eine Anzahl andrer Wörter, wie uomo, uopo, buono, luogo (homo, opus, bonus, locus) oder lieto, pietra, intiero (lactus, petra, integer), wobei denn das u und i sogleich wieder verschwindet, sobald der Accent das bezügliche O und E verlässt, wie in omáccio, bonaménte, locále oder letízia, petróso, interaménte, indem alsdann auch der Suono chiuso wiederkehrt. Und übrigens ist dies bloss eine Sache der Orthographie. Denn gehört werden u und i für sich nicht, obschon die Toscaner dies eigensinniger Weise verlangen; man vernimmt ihre Wirkung eben nur darin, dass der Laut des O und E geöffnet wird. Die Italiener sagen selbst, dass u und i in diesem Falle eigentlich nicht Vocale, sondern blosse Laut- und gewissermassen auch Ton- oder Accentzeichen für das O und E seien. Und trotzdem wollen sie solch uO, iE für Diphthongen angesehen wissen?

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Noch ein solcher Gebrauch ist anzuführen, der jedoch nur das i betrifft. Er findet bei den Consonanten G, C, L (gL) Statt, denen nämlich die Orthographie ein i beifügt, wenn sie vor den tiefen Vocalen (U, O, A) den sogenannten Quetschlaut (Suono schiacciato) haben sollen. Beispiele: giusto, giorno, giardino (sprich dschusto etc.) — fanciullo, bacio, ciarlare (sprich fantschullo etc.) pagliume, meglio, vegliare (sprich paljume etc.). Auch in diesem Falle ist i Nichts weiter als ein orthographisches oder phonetisches Lautzeichen (wofür eben auch jedes andere, z. B. ein Accentstrich, wie etwa im Polnischen, hätte gewählt werden können), und steht im Dienste des vorhergehenden Consonanten, nicht des nachfolgenden Vocals. Wie soll es denn also mit diesem letzteren einen Diphthongen bilden? Ausser diesen Fällen stehen U und I endlich allerdings auch mit selbständigem Werthe oft genug vor andern Vocalen, betont und unbetont. Alsdann aber sind sie eben auch selbständige Vocale, so gut wie O, A, E selbst; sie bilden mit vollkommen vocalischem Klange ihre eigene Sylbe. Beispiele: virtuóso, persuaso, consuéto, ruína - niúno, laborióso, ubbriáco, cliente, oder betont: túo, súo (lat. tuus, suus), inflúono, prúa,

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súe (suae), flúido - ío (ego), período, vía, bugie, píi, oder auch bei vorangehendem oder nachfolgendem Accent: pueríle, persuadére, ruináre, prémio, pátria u. s. f. Ueberall ist hier, dem etymologischen Verhältnisse gemäss, zwischen den beiden Vocalen die Sylbentheilung gestattet (virtu- oso, persu-aso u. s. f.), die in den vorigen Fällen, wo in Wahrheit nur ein Vocal vorhanden ist, nicht Statt finden kann. Auch zählen die Dichter, die in den vorigen Fällen natürlich stets und streng nur eine Sylbe zählen, hier wieder nach Belieben und Versbedürfniss eine oder zwei Sylben. Denn es sind eben keine Diphthongen.

Folglich sind von den noch übrigen 14 (oder 13, denn ee erledigt sich wohl von selbst) auch alle diejenigen zu streichen, in welchen U und I die erste Stelle einnehmen, also folgende acht:

uo, ua, ue, ui
io, ia, ie, iu.

Welche bleiben nun übrig? Nur die, in welchen U und I an der zweiten Stelle steht. Und dies allein ist die Form des Diphthongen. In dieser Stellung können U und I weder ihrer vocalischen Eigenschaft verlustig gehen und in einen consonirenden Laut verfallen, noch stehen sie da als blosse Lautzeichen im Dienste eines vorangehenden Consonanten oder eines nachfolgenden neuen Vocals. Sie haben hier in der That die Möglichkeit, sich dem reinen Vocal, dem sie folgen, anzuschliessen und unterzuordnen, d. h. eine wirkliche Einheit mit ihm zu bilden.

Wir sagen jetzt also bestimmter: Der Diphthong ist die Verbindung eines reinen Vocals mit einem nachfolgenden consonischen. Dies ist kein blosses und äusserliches Merkmal, sondern ein Gesetz, und ein Gesetz, das hoffentlich Sinn und Grund hat. Wir unterscheiden demgemäss näher: Diphthongen Ou, Oi. Diphthongen Au, Ai.

1) O
2) A

3) E Diphthongen Eu, Ei.

Und das sind eben auch diejenigen, welche die griechische und, wiewohl nicht vollzählig, die lateinische Sprache anerkennt, desgleichen auch die deutsche. Der italienischen Sprache fehlt davon, wie der deutschen, nur das Ou.

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Es ist hierüber folgendes Nähere zu erörtern. Obgleich dies die Form und Beschaffenheit des Diphthongen ist: so darf daraus doch nicht gefolgert werden, dass auch umgekehrt jedes U oder I mit einem vorangehenden O, A, E einen Diphthongen bilde. Es können diese Vocale in dieser Ordnung auch zufällig zusammentreten, so nämlich, dass sie wiederum verschiedenen Sylben des Wortes angehören. Alsdann diphthongiren sie nicht mit einander. Man betrachte folgende Beispiele: Oi co-i (d. i. con mit dem Plural-Artikel i), eró-i (Plur. von eroe Held), eró - ico, ero - ísmo, intró-ito (Eingang), pro-ibíre (lat. pro-hibere verhindern), ló-ico (neben lógico, λoyxós, logisch).

pa-úra (lat. pa-vor Furcht), scia-úra (neben sciagura Unglück), a-unáre (neben ad-unare vereinigen). Aia-i, da-i (d. i. a, da mit dem Plural-Artikel i), amá-i (lat. ama-vi ich liebte), librá-i (Plur. von librajo Buchhändler), na-ívo (neben na-tívo natürlich), ta- i, qua-i, anima-i (neben ta-li, qua-li, anima -li).

né-utro (lat. ne-uter, d. i. nec-uter nicht einer von beiden, keiner von beiden), be-úta (neben be-vuta Trank). Man vergleiche z. B. das deutsche be-unruhigen, geurtheilt.

Au

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Eu

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Eine-i, pe-i (d. i. in, per mit dem Plural-Artikel i), de-i (d. i. di mit demselben Artikel, oder auch Plural von dio lat. deus, oder für und neben de- vi du musst), be-i, que-i (neben belli, quelli, Plur. von bello, quello), re-ína (neben re- gina Königin), re-iterare (d. i. iterare mit der Vorsylbe re), idone-ità (von idóne-o), corpórei (Plur. von corpore-o). Man vergleiche z. B. unser be-irren, Blase - instrument.

Man sieht ohne Weiteres, wie hier überall beide Vocale Nichts mit einander zu schaffen haben. Die Flexion, die Ableitung, selbst die Zusammensetzung hat sie zusammengebracht, nicht selten auch die blosse aus irgend welchem Grunde beliebte . Ausstossung des sonst zwischen ihnen befindlichen, sie ausdrücklich trennenden Consonanten. Das ist ein bloss zufälliges Begegnen, aber kein organisches Zusammengehören äusserliches Nebeneinander, aber kein Diphthongiren.

-

ein

Bei

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