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Vorwort.

Das vorliegende Buch ist eine Recapitulation aus einer mehr als dreißigjährigen Lebenserfahrung; zunächst dem Wunsche entsprungen, für mich und die Meinigen aus den neueren deutschen Dichtungen geringeren Umfangs das zusammenzustellen, was daraus während jenes langen Zeitraumes meine besondere Theilnahme erregt hat und derart in mir haften geblieben ist, daß id) jezuweilen dahin zurückgekehrt bin.

Es ist dies nicht immer das Schöne, sondern ebenso sehr das Charakteristisdie; das Häßliche nicht ausgeschlossen, wo es fich, wie z. B. in Hebbels, übrigens auch durch eine mächtige Naturstimmung getragenen, „Þaideknaben“ durch lebendige Ge. staltung ein Recht zur Existenz erworben hat; es ist zwischenein auch wohl das Hausbackene, sofern darin ein warmes Stück Menschenleben und dann gelegentlich und wie von felbst auch ein Stück Poesie zum Vorschein fommt, wie das in einzelnen Foyllen von Voß und in den Gedichten des alten Pastors von Werneuchen der Fall ist, für welchen Letteren ich eine gewisse heimlidie Liebe nicht sowohl trot, sondern vielmehr urkundlid jener anmuthigen

nung kommt.

Parodie *) mit unserm Altmeister Göthe zu theilen glaube ; es ist ferner, wenn auch vorzugsweise, so Dody nidit allein das in der Ausführung Makellose, sondern auch das, wo die zwin= gende Gewalt des Ganzen die einzelnen Mängel derselben vergessen läßt; endlich sind es nicht grade die Behandlungen großer Stoffe, zumal nidit jene aus mythologischen, historisdien oder ethnographischen Studien zusammengearbeiteten Dichtungen, in denen wir zwar die Größe des Wollens — auch wohl des Anspruchs — nicht verkennen fönnen, die aber wegen der unzulänglichen Zeugungskraft ihrer Verfasser dennoch todtgeborene Dinge bleiben; sondern es sind lieber foldie, in denen der wenn auch weniger große Stoff „mit urkräftigem Behagen" zur Erschei

– Da das Buch einen rein kritischen Standpunft einnimmt, so waren von vorn herein alle Gedidyte ausgeschlossen, welche die Bedeutung, die ihnen etwa zuzugestehen ist, nicht in, sondern neben sich haben; somit alle, welche nur in Bezug auf die Entwicklung unserer Literatur oder als 3Ulustrationen, sei es zur allgemeinen Geschichte oder zu der Biographie ihrer Verfasser, eine solche in Anspruch nehmen fönnen.

Die Phrase wird hoffentlich in diesem Buche keine Stätte gefunden haben; mindestens im Wesentlichen nicht, wie ich Vor: sichtshalber hinzufeßen möchte; denn was wäre burdiweg frei von dieser weltbeherrschenden Krankheit!

Fragt man nun aber, woher bei der Fluth von Anthologieen auch noch diese sich das Recht nimmt, in die Welt zu treten, so erwidere ich Folgendes:

Obgleich fich Niemand davon frei sprechen dürfte, daß er

Das Gedicht: „Musen und Grazien der Mark“.

nidyt einmal vorübergehend oder im Einzelnen audy rem Unberechtigten einen Platz eingeräumt hätte, so sdeint mir doch in fast allen Anthologieen, so weit sie mir vor Augen gekommen sind, die Mittelmäßigkeit einen unverhältnismäßigen Raum einzunehmen. Zwar ist in der Poesie — vielleicht in jeder Kunstdie Fähigkeit des Urtheilens kaum weniger selten, als die des Schaffens; allein auch wo die Auswahl vorausseßlich von nicht unbefugter Hand herrührt, pflegt es damit nidyt besser zu stehen. - Die Ursache hiervon dürfte, abgesehen von einem Streben nach äußerer Vollständigkeit, zum Theil in der Macht des Erfolges zu suchen sein.

Sede Literatur-Epoche wird bekanntlich von einer Sdiaar ron Anempfindern und Nachahmern begleitet, welde, so lange rieselbe dauert, gleich den Grillen im Sonimer nach Kräften in dem großen Concerte mitsingen, um dann mit ihrem Ende spurlos zu verschwinden. Ebenso ist es aber eine gleicherweise alte und neue Erfahrung, daß manche dieser Mitfänger, während ihr Sommer dauert, ein Publikum, ja oft ein größeres als die echten Sangesmeister finden und so ihre vorübergehende Existenz durdy eine Reihe von Auflagen zu documentiren vermögen. - Von diesem Punkte scheint mir der mechanische Druck auszugehen, durch welchen, zum nicht geringen Verderb, grade die am meisten in den Familien eingebürgerten Sammlungen *) mit jenen farbs Cosen Versificationen angefüllt sind, von denen aus jedem mäßigen Gefühl ein Dußend gemünzt werden könnte, gegen die sich aber freilich nichts einwenden läßt, als daß sie eben nichts bedeuten. Dem entgegen zu treten, foll dieses Buch einen Versud machen.

* Ich spreche nicht von denen, die literärhistorische Zwecke verfolgen oder von den zum Schulgebrauch bestimmten Sammlungen.

Die Sammlung beginnt mit Claudius, der in einer Zeit, wo sowohl die poetisde, als die musikalische Lyrik in Deutsch land fich in conventionelle Thee- und Raffeeliebchen verloren hatte, zuerst den unmittelbaren Ausdruck der Empfindung, namentlich, und bis jetzt kaum übertroffen, der Natur-Empfindung wiederfand; der, bevor ein solcher Ton von Göthe laut geworden, sein Neujahrslied anhub:

„Es war noch frühe Dämmerung
Mit leisem Lagverkünden,
Und nur noch eben hell genung,
Sich durch den Wald zu finden;
Der Morgenstern stand linker Hand,
Ich aber ging und dachte
Im Eichthal an mein Vaterland,
Dem er ein Neujahr brachte.“

und sein von Naturgefühl getränktes keusches „Wiegenlied beim Mondschein" gedichtet hatte, das dieses Buch der Vergessenheit zu entreißen judyt*).

Zur näheren Verdeutlichung des Gesichtspunktes, von welchem aus die vorliegende Sammlung entstanden ist, sei es mir verstattet, noch einige Bemerkungen vorauszuschicken.

Wie ich in der Musik hören und empfinden, in den bildenden Künsten schauen und empfinden will, fo will ich in der Poesie, mo möglich, alles Drei zugleich.

Von einem Kunstwerk wil ich, wie vom Leben, unmittelbar und nicht erst durch die Vermittlung des Denkens berührt

*) Die Scala reicht freilich noch tiefer „Fülleft wieder Busch und Thal“ (Göthe), „Der Mond ist aufgegangen“ (Claudius), „Nun ruhen alle Wälder“ (Paul Gerhard).

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