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S. 364) mir zuruft, selbst zu beherzigen, nämlich dass „so lange Nichts verloren ist, als man die Fäbigkeit besitzt, seine Fehler einzugestehen.“ Wer aber trotz augenfälligen Versehens vorgiebt, „kein Jota“ zurückzunehmen,

tant pis ! der tritt selbst aus dem Kreise der Forscher nach Wahrheit. Wenn aber Herr S. jene Behauptung Grimm's in der Form, welche sie vom Letzteren erhielt, nicht frappirte, dagegen in derjenigen einer concreteren Gestalt, die ich ihr gab, so dass sie sogar Heren S. zu Ausrufen (»was hat ... mit Doppelvocalen zu schaffen?“) veranlasst, so wird er nun selbst fühlen, wie der von mir gewählte Stil in einem Schulprogramme nicht so ganz verwerflich ist; ja, trotz seines Absprechens wäre vielleicht sogar manchem Professor, der nicht zuvor Schulmann war, zu rathen, in seinen Vorlesungen durcb concretere Gedankenform auf die Jugend fesselnd einzuwirken, damit die Studenten nicht aus denselben wegbleiben, weil sie „zu trocken, ledern“ sind. Diese stilistische Eigenheit meines Schulprogramms war in einer vom Literarischen Centralblatt S. 363 mitgetheilten Recension der „methodologische" Charakter genannt, bei Herrn S. gilt sie für „Poesie“; er verwirft deshalb meine Satzform: „wie nach einem Winter erblühten aus den Ruinen des Lateins die Diplıthonge etc.“ Sind Ausdrücke, z. B. „Ueberreste“ einer Sprache, ihre „Wurzeln“, „Stämme“, ihr „Blüthen“, „starre“ Consonanten etc. nicht ganz gebräuchlich in der Philologie? Corssen, der bekanntlich früher selbst Schulmann war, gestattete sich sogar von „aristocratischen“ und „plebejischen“ Vocalen, von „Fernröhren der sprachlichen Forschung“ zu sprechen und nennt (I, p. 627; 2. Aufl.) den Blick in die früheren Zeiten einer Sprache einen Blick „auf ein reiches schönes Land in blauer Ferne von der Kuppe eines Berges, den er im Schweisse des Angesichts über Stock und Stein erklommen hat.“ Freilich gesteht Corssen anch (p. XII, a. a. O.) dass er durch eine tiefe Kluft getrennt sei“ von manchen Ansichten des Herrn S. Ich wählte für jenen (angebl. „poetischen“) Satz die concretere Einkleidung, weil er, selbst durch die dürrsten Worte, nicht kürzer zu geben war, sobald er eindringlich hervorgehoben werden sollte. Dies letztere wünschte ich, theils damit er überhaupt nicht das Schicksal des oben besprochenen Gedanken Grimm's erleide, theils weil er factisch eine neue Ansicht andeutet. Die Sprachvergleichung pflegt bekanntlich, namentlich durch Jünger der Sanscritstudien, das indogermanische Sprachleben als im Verwelken begriffen darzustellen; man behauptet, dass, wie Wasser nicht wieder den Berg hinauflaufe, in den indogermanischen Töchtersprachen unseres Jahrtausends keine neue Vocalsteigerung entstehen könne, dieser Trieb, der als Beispiel eines aufkeimenden Sprachfrühlings, zur weiteren Sprachentfaltung mit beitrug. Ich hege dagegen die Ueberzeugung, dass man an den romanischen Sprachen nachweisen kann, wie wirklich solche Frühlingstriebe neu erwachten, obschon die Grundlage dazu das morsche Latein war! Das von mir gebrauchte Bild ist also berechtigt, und hat einen tieferen Sinn, den Herr S. nicht zu abnen vermochte, da er in seiner Recension naiv ausrief: „was in aller Welt bedeuten diese ... Wendungen ?" Sind somit die Anschuldigungen zurückgewiesen, so fallen damit auch diejenigen des Herrn U., die nur das Echo einer Recension sind, welche er selbst , oberflächlich“ nennt. Plauen.

Gymnasialoberlehrer Wendel.

Historische Skizzen über die Ursachen des Bunten und Wirren

in der neuenglischen Orthographie und Orthoepie. Fünf Vorträge von Dr. H. G. Migault. Nürnberg, Zeiser.

Oben genannte populär gehaltene Vorträge, welche übrigens selbst manchem Lehrer vielerlei werthvolle Winke geben dürften, waren von dem Verf. zu einer vorübergehenden und beiläutigen Unterhaltung der jugendlichen Mitglieder des Heilbronner kaufmännischen Vereins bestimmt, in wel. chem der Verf. mehrere Jahre den englischen Unterricht geleitet hat. Man darf deshalb an diese Vorträge den Maassstab einer streng wissenschaftlichen Kritik nicht legen, da dieselben eigentlich nichts weiter sein wollen, als das Geplauder eines gebildeten und vorurtheilsfreien Engländers über seine Muttersprache. Das kleine Buch liest sich, obwohl es wenig Neues bieten kann, sehr angenehm; es ist mit Ausnabme einiger wenigen Anglicismen recht gut geschrieben und bietet noch insofern ein besonderes Interesse, als sich der Verf. auf mancherlei persönliche Erfahrungen bezieht und Erlebnisse aus seiner eigenen Vergangenheit beibringt, die namentlich in Beziehung auf die Aussprache von ganz besonderem Werthe sind. Ref. kann demnach das Heftchen recht wohl empfehlen, da es ihm gelungen ist, einen weitere Lebenskreise scheinbar wenig interessirenden Gegenstand in ausserordentlich ansprechender und zugleich belehrender Weise populär behandelt zu haben.

Dr. J. Baumgarten, Bibliothek interessanter und gediegener

Studien und Abhandlungen aus der polytechnischen und naturwissenschaftl. Literatur Frankreichs. VIII. und IX. Cassel, bei Th. Kay.

Die beiden neuesten Hefte dieser trefflichen Sammlung begrüsst Ref. mit besonderer Befrierligung, da dem Leser hier in der That nur Interessantes und Gediegenes geboten wird. Der Herausgeber bezeichnet Heft VIII als Causeries technologiques et industrielles, welche Aufsätze über Eisenbahnbau, Gaserleuchtung, Photographie, Photosculptur u. s. w. bringen und eine sehr hübsche Charakteristik von Jacquart aus Lyon und dem berühmten Ingenieur Brunel. Das folgende Heft

, „Tableaux zoologiques betitelt, zerfällt in fünf Abschnitte, nämlich: „Merveilles zoologiques d'Afrique, Industrie et moeurs des insectes, La Panthère, Le Tigre, La chasse au lion chez les Arabes. Die Schilderungen sind frisch, voll Leben und äusserst anziehend und verdienen auch in stylistischer Beziehung uneingeschränktes Lob. Ref. benutzt deshalb gern diese Gelegenheit, die ganze Sammlung von Neuem bestens zu empfehlen.

German Gems in an English setting by Jane Mulley. Weimar,

H. Böhlau 1877.

Das vorliegende Büchlein, welches den Zweck verfolgt, die besten poetischen Leistungen unserer neueren deutschen Literatur in England und Amerika zu verbreiten, kann an dieser Stelle bestens empfohlen werden. Wahrend die Engländer in ibren deutschen Studien nur selten über Schiller und Goethe hinauskommen, finden wir hier sehr ansprechende Dichtungen

von Geibel, Platen, Uhland, Anastasius Grün, Lenau, Freiligrath, Heine u. S. W., und dem deutschen Texte ist stets die englische poetische Uebersetzung gegenüber gestellt. Die letztere kann meistens ausserordentlich schwungvoll genannt werden und bekundet grosse Formengewandtheit, wie sie denn überhaupt den Beweis liefert, dass die Verfasserin die beiden Sprachen in anerkennenswerther Weise beherrschen muss. Die äussere Ausstattung ist vorzüglich.

Programmenschau,

Geschwundenes Sprachbewusstsein im Deutschen. Vom Oberl.

Dr. Gützlaff. Programm des Gymn. zu Elbing 1876.

45 S. 4.

Die umfangreiche Abhandlung bietet eine Fülle belehrenden Stoffes. Es ist ganz richtig, wie der Verf. sagt, dass es auch eine Aufgabe des deutschen Unterrichts ist, dem gesunkenen Sprachbewusstsein durch Unterweisung zu Hülfe zu kommen. Es erhebt sich nur immer die Schwierigkeit, wie man die Zeit gewinnen soll. Allgemeine Sätze sind wenig fruchtbringend, die Fülle des Einzelnen bringt erst Interesse und Einsicht. Der Verf. räth, in der Prima bin und wieder einige Stunden ausschliesslich der Worterklärung zu widmen und so im Zusammenhange einzelne Abschnitte deutscher Etymologie durchzunehmen. Derselbe Vorscblag ist auch anderswo gemacht worden. Es ist nur zu besorgen, dass diese Stunden auch von anderer berechtigter Seite in Anspruch genommen werden. Da nun solche Stunden nicht leicht zur Hand sein möchten, so ist es ein dankenswerther Versuch des Verf. gewesen, als Ersatz diese populäre Schulschrift zu bieten. Sie will ehen keine neuen wissenschaftlicben Entdeckungen machen, sie nennt sich bescheiden einen Auszug aus Wiegand's Wörterbuch mit Berücksichtigung der Grimm'schen Schriften. Das Ganze ist in fünf Abschuitte getheilt: a) die etymologisch verwandten Wörter, b) die ihre Bedeutung in bistorischer Zeit geändert haben, c) die Erklärung von Zusammensetzungen, die durch Contraction oder Verschwinden des einen Bestandtheiles dunkel geworden sind, d) die gebräuchlichsten_heutigen Vornamen, e) Verzeichniss der eingebürgerten Fremdwörter. I. Etymologisch verwandte Wörter. Gut ist der Vorschlag, schon in den unteren Classen die Schüler auf Reihen von einander abgeleiteter Wörter aufmerksam zu machen; z. B. Bau, Bude, Bauer, Nachbar, Baum; ferner besonders hinzuweisen auf die Art der Verwandtschaft zwischen Wörtern, die durch Ablaut des Vocals aus gemeinsamer Wurzel entsprossen sind, da die Regelmässigkeit dieses Vorgangs vor Allem im Deutschen sichtlich ist, z. B. winden, Winde, Windel, Wand, Gewand, wandern, wund, Wunde; auch schwierigere, z. B. Hehl, Held, bobl, Hülle, Hölle, Hülse. Mitunter fehlt jetzt das Wurzelverbum, da ist das Suchen nach der Grundbedeutung bildend, z. B. bei Himmel, Hemd; ferner die Bedeutungen von dürfen, können, mögen. II. Worte, die in historischer Zeit ihre Bedeutung geändert haben. Alle Abstracte haben einen sinnlichen Ursprung, worauf immer belehrend hinzudeuten ist; man denke an Wörter wie anfangen, fortfahren, aufhören (Verf. weist gut hin auf Cauer's Programm, Hamm 1870), Aufsatz (die mhd. Bedeutung noch in aufsätzig),

Gesell, Geweih. Und hierbei ist der umgestaltende Einfluss des Christenthums nicht zu übersehen (vergleiche Ehe, Tugend), so wie der Zeitverhältnisse (vergl. Reise), des höfischen Wesens, des Drucks des niedern Volkes (vergl. Adel, Tölpel, Knecht). Von solchen in der Bedeutung geänderten Wörtern führt die Abh. eine grosse Anzahl an. III. Erklärung einiger zusammengesetzter Wörter. Bei solchen ist oft die Zusammensetzung überhaupt dem heutigen Sprachbewusstsein entschwunden, so bei heute, bei den Endungen bar, lich, beit u. a., bei andern wie Dienstag, Freitag pflegt es falsch abzuleiten, auch bei Vormund und zahllosen andern, die der Verf. nennt. Das Bestreben, den Wörtern, namentlich Fremdwörtern, eine der Zunge geläufigere Aussprache zu geben, hat sie so gestaltet, dass das Volk einer falschen Etymologie nachgeht; so entstehen die Gebilde der Volksetymologie: vergl. Maulwurf, Fastnacht, Hagestolz, Ahorn, Baldrian, Armbrust, Mäusethurm; die Redensart: flöten gehn, leitet der Verf. ab von dem jüdischen pleto Flucht; das seit 1650 vorkommende Fidibus leitet doch wohl Grimm richtig von fil de bois ab. IV. Erklärung der gebräuchlicheren deutschen Vornamen. V. Fremdwörter. Der Verf. stellt nach bestimmten Rubriken diejenigen zusammen, welche als solche dem Sprachbewusstsein kaum mehr erkennbar sind; in Bezug auf diesen Abschnitt ist auch noch das Buch von V. Hehn: Culturpflanzen etc., zu vergleichen. Maske ist bier abgeleitet von lat. masticare, weil die Hexe (das ist die erste Beleutung von Maske) als Kinder fressend gedacht wurde, Andere denken an arab. meschara von sacher = verspotten. Soldat wird abgeleitet von solidus, der Münze; Grimm (Gesch. d. d. Spr.) leitet ab von skula, obligatus, soldurnis bei "Cacher, der Krieger, der sich ins Heer verpflichtet hat. Graf wird als Fremdwort angesehen (ypágeiv), Andere (Leo Meyer) leiten ab von goth. gréfan beschliessen, vorschreiben, gebieten. Kummer ist schwerlich ein Fremdwort; ans der Bedeutung Haft ergiebt sich nach dem deutschen Wörterbuche zunächst die Bedeutung: rechtliche Belastung. Eine Uebersicht derjenigen Wörter, welche ursprünglich gut deutsch ins Ausland gewandert und von dort in fremdem Anzuge zu uns zurückgekehrt sind, so dass sie uns wie Fremdwörter anmuthen, schliesst die beachtenswerthe Abhandlung.

Bemerkungen und Ergänzungen zu Weigand's deutschem Wör

terbuch. Vom Oberlehrer Dr. Gombert. Programm des Gymn. zu Gross-Strehlitz 1876.

Ref. hat nicht die Absicht, noch zu diesem Programm Nachträge zu geben, er will hier nur dasselbe bervorheben, damit es nicht unter so vielen andern der Aufmerksamkeit der Freunde der deutschen Sprache, und wer wäre das nicht? entgehe. Das Weigand'sche Wörterbuch verdient mit vollem Recht seinen guten Ruf, aber wie viele Liicken und Irrthümer es enthält, zeigen die vorliegenden trefflichen Bemerkungen. Namentlich hat der Verf. nachgewiesen, wie nicht bloss Weigand, sondern auch das Grimmsche Wörterbuch, denn für dieses sind eben so wohl die Bemerkungen berechnet, die reiche Literatur des 17. Jahrh., vor Allem die sog. zweite schlesische Dichterschule, sowie die heutige Redeweise noch zu wenig gewürdigt haben, wie Wörter, denen unsere Wörterbücher einen ziemlich neuen Ursprung zuschreiben, schon weit früber vorkommen. Die Bemerkungen reichen bis zum Buchstaben M; möge bald eine Fortsetzung erscheinen! Für die vielfache Belehrung, welche Ref. aus dem Programm gewonnen hat, seinen Dank zu bezeugen, erlaubt er sich nur zwei Zusätze: Archiv f, n. Sprachen. LVIII.

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