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Einsprache zu erheben, mögen dadurch seine orthographischen Gewohnheiten verletzt werden oder nicht.

§ 11.

Die Sätze VI bis XII sind die notwendigen Folgerungen aus I bis V.

Eine nagelneue Schrift wie die von Brücke (Sitzungsbe. richte der Wiener Akademie der Wissenschaften, phil. hist. Klasse, Band XLI, S. 223 bis 285) vorgeschlagene, ist, abgesehn von den schweren wissenschaftlichen Bedenken die sich dagegen erheben, schon wegen Satz V verwerf lich. Durch die Anlehnung an das Herkömmliche erreichen wir nebenbei den Vorzug leichterer Erlernbarkeit.

§ 12. Unhaltbar ist die Forderung es dürfe in das neue Alfabet kein Buchstabe aufgenommen werden welchem irgend eine der germanischen und romanischen Orthographien eine andere Bedeutung beilegt als die übrigen. Wir brauchen uns um dieselbe um so weniger zu kümmern da diejenigen welche sie stellen, selber in der gröbsten Weise dagegen verstossen. Nehmen wir z. B. die Schreibungen von Lepsius. Er verlangt S für den stimmlosen S-Laut; aber in Deutschland ist S das Zeichen für den tönenden Reibelaut; sa lesen die meisten gebildeten Deutschen als französisches za; der Buchstabe S wäre also für die neue Orthographie nicht brauchbar. Z soll den tönenden S-Laut darstellen; aber in Deutschland bedeutet es ts, in Italien ts und dj, in Spanien þ. - U für den dunkelsten Vokal widerspricht der französischen Orthographie, in welcher es die Geltung y (d. h. ü) hat. — V für w verträgt sich nicht mit dem deutschen Gebrauch, welcher ihm den Wert f beilegt. – W für unsilbiges u ist unzulässig weil es im Deutschen und Holländischen nur den w-Laut bezeichnet. H für den Kehlkopfreibelaut taugt nichts, denn bei den Romanen ist es stumm.

- P, T, K dürften nicht für die reinen Tenues verwendet werden weil sie in Deutschland und Dänemark als gewöhnliche Vertreter der Lautverbindungen ph, th, ks, ku gelten. — B, D, G wären zur Darstellung der tönenden Medien durchaus untauglich weil sie in Süd- und Mitteldeutschland als reine Tenues gesprochen werden. u. s. w. Streng genommen müsste man jeden Buchstaben verwerfen der in irgend einer der genannten Orthographien mehrere Werte hat; z. B. A=a, denn engl. A oft =é, à u. 8. W.; E=e, denn engl. E oft=í und Ô; I=i, denn engl. I oft = ai, o, 1; 0=0, denn dänisch 0 oft = i; U=u, denn engl. U oft iu, ô, ù; G=9, denn ital. G oft dj, franz.

G oft =

j, span. G oft ; D=d, denn span. und dän. D oft Þ oder & 11. 8. W. Ú. S. W. Ein Grundsatz der von seinen eigenen Verfechtern mit Füssen getreten wird, kann keinen Anspruch auf Beachtung erheben.

§ 13. Man bat eingewendet die neuhochdeutsche Orthographie könne nicht zur Grundlage einer wissenschaftlichen Schreibung gemacht werden, weil die Geltung ihrer Buchstaben in den einzelnen Gegenden Deutschlands oft sehr verschieden ist. Dies ist ohne Belang. Mehr als die Hälfte aller Deutschen spricht E und I für Ö und Ü; aber deshalb zweifelt niemand daran dass die Laute i, e mit I, E zu bezeichnen sind und nicht mit Ü, Ö, oder dass den Buchstaben Ö, Ü dic Laute ö, y als eigentlicher Wert zukommen. Ebenso wenig kann Streit darüber entstehn ob G ein g und nicht vielmehr einen CH-, oder J., oder K. oder U-Laut u. s. w. darstellen solle.

$ 14. Wäre es nicht besser von der italiänischen Orthographie auszugehn statt von der neuhochdeutschen ? - Durchaus nicht! Im Wesentlichen würden beide Wege zu demselben Ziele führen; aber in manchen Fällen reicht die italiänische Schreibung nicht aus und miisste man dann ohnehin auf die neuhochdeutsche zurückgreifen; z. B. die Gaumentenuis bezeichnet der Italiäner mit C, was vor E und I misslich wäre; für die Laute å, s (tönendes S) hat er keinen besondern Buchstaben; die Laute h, y, ö kennt seine Schriftsprache nicht. Keine Orthographie eignet sich so gut zur Grundlage einer wissenschaftlichen Schreibung wie die deutsche.

Die Buchstaben welche wir nach Satz VI anzunehmen haben, sind folgende: a, a, b, d, e, f, g, h, i, k, l, m, n, o, o, p, r, s, 8, t, u, ü, w. Ueber s als Zeichen für den tönenden S-Laut s. Herrigs Archiv 1877, Band LVI, S. 327 bis 332.

§ 16. Von diesen Zeichen können drei nicht gutgeheissen werden, nemlich ü, ö, ü. Sie verstossen gegen Satz IV erstens weil der Doppelpunkt. aus zwei Zeichen zusammengesetzt ist, zweitens weil er unbequem ist und sich mit andern Zeichen schlecht verbindet. Mit Satz V sind ä, ö, ü unverträglich weil sie in Verbindung mit den einfachsten und iiber allen andern Vokalzeichen gebräuchlichen Beistrichen

und' in den Druckereien nicht vorkommen. Der Vorschlag von Lepsing den Doppelpunkt unter den Buchstaben anzubringen, kann natürlich nicht befriedigen. Für ü giebt es einen Ersatz welchen die drei

Archiv f. n. Sprachen. LVIII.

§ 15.

oben gerügten Fehler nicht ankleben und welcher bereits mehr oder weniger üblich ist: in griechischen Fremdwörtern und in der Orthographie des Angelsächsischen, Altnordischen, Schwedischen und Dänischen finden wir den ü-Laut stats mit y bezeichnet. Diesem Vorgang müssen wir uns unbedingt anschliessen.

Hingegen für ä und ö ist die Abhülfe nicht so leicht; denn welche Zeichen wir auch wählen mögen, so sind deren Verbindungen mit den nötigsten Beistrichen in den Druckereien nicht vorrätig und ist es daher unmöglich dem Satze V zu genügen; wir können also bloss auf Satz IV Rücksicht nehmen. Das Zunächstliegende sind Verschleifungen von a und o mit e; da nun aber die bereits üblichen æ, æ an grosser Unbeholfenheit leiden, ferner in der Kursivschrift schwer von einander zu unterscheiden sind und in der Kurrentschrift leicht mit den zwei. lautigen ae und oe verwechselt werden, bleibt nichts übrig als das e in das a und o zu stellen (Satz VII). Dies ist übrigens in dem hier vorgeschlagenen System der einzige Fall wo ein eigentlicher Buchstabe neu geschnitten werden muss.

§ 17. Am wichtigsten für die mundartliche Wissenschaft ist zunächst die Bezeichnung der gebräuchlichsten Vokale für welche die herkömmliche Orthographie keine besondern Buchstaben besitzt. Die meisten Vorschläge welche bisher gemacht worden, verstossen gegen einen oder zwei der Sätze III, IV und V oder gar gegen alle drei und leiden obendrein an zwei Fehlern: sie verschwenden eine Menge von Nebenzeichen und lassen die Mittelstufen zwischen i, y, u und e, ö, o unberücksichtigt. Die einzige nach allen Seiten hin befriedigende Bezeiehungsweise ist die von Rumpelt in seinem höchst verdienstlichen „System der Sprachlaute“ (Halle, Waisenhaus 1869) angewendete: der Gebrauch des '(Rumpelts' für den „alfabetischen“ Lautwert der Buchstaben ist überflüssig und mit Satz VI unverträglich). Nach Satz VIII vervollständigen sich die Vokalzeichen folgendermassen:

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u ù o ò à a ù ù è ei i Zugleich erhalten wir für den Laut des

deutschen ScH das Zeichen ś, für das

französische J: 5, für die am hintersten ġ

Gaumenrande gebildete Tenuis: L. u. 8. w. y $ 18. Dass dem' die dem entgegengesetzte Bedeutung beigelegt

u. $. W.

8 20.

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wird, ist beinahe selbstverständlich ; übrigens wird bei Vokalzeichen vorläufig kaum nötig sein.

$ 19. Das von Rapp, Lepsius u. A. für die Nasalirung vorgeschlagene“ ist unbrauchbar, denn es ist zu komplizirt (aus- und zusammengesetzt), nimmt als wagrechtes Zeichen zu viel Raum nach rechts und links ein und verbindet sich schlecht mit irgend einem andern Beistrich (s. oben § 7). Es ist daher unvermeidlich das von Rumpelt, Sievers u. A. angewendetė polnisch-litauische anzunehmen.

a ist seit Schmeller und Rapp in der wissenschaftlichen Dialektschreibung so gut wie eingebürgert. Von dem Lepsiusschen kann schon wegen Satz V und § 8 keine Rede sein.

§ 21. Aus denselben Gründen ist für den Nasal mit Gaumenverschluss nur das von Rapp und vielen Andern eingeführte n zulässig; , allein hat den Vorzug dass es mit den nötigsten Beistrichen und' (, n) in jeder grössern Druckerei vorhanden ist.

$ 22. Statt des von Rapp, Lepsius u. A. vorgeschlagenen x ist das von Winteler und zum Theil auch von Rapp und Sievers verwendete

vorzuziehn weil es auch in der kleinsten Druckerei zu haben ist und vor y überdies den Vorzug hat nicht unter die Linie herabzugehn. Nach Satz VIII ist damit zugleich - für den am hintersten Rande des Gaumensegels gebildeten Reibelaut gegeben.

§ 23. Gegen j als Zeichen für tönendes x wird sich schwerlich ein Einwand erheben.

§ 24. Ebenso wenig gegen v für das, von unserm w scharf zu sondernde, tönende ț, welches im Niederdeutschen und Romanischen vorkommt und in der Orthographie dieser Idiome mit V bezeichnet wird; die Holländer und die niederdeutschen Dialektschriftsteller halten V und W und F auf das strengste auseinander.

§ 25. q ist das zunächstliegende Zeichen für den faukalen Schlaglaut; so ergiebt sich nach Satz VIII zugleich auch für die Kehl. kopftenuis.

g 26. In Betreff von Satz XI 7 und 8 kann die Entscheidung verschieden ausfallen je nachdem man Satz III und IX oder aber Satz V zur Geltung bringt; i s'j sind systematischer, s þ 8 üblicher.

Von und von "als Dehnungszeichen kann keine Rede sein, wenn man gegen die Sätze IV und V (vgl. $87 und 8) keine

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A

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schlagenden Vernunftgründe vorzubringen weiss. Sie sind nicht nur an sich unbequem, sondern kommen in Verbindung mit Konsonantenzeichen und mit andern Beistrichen in keiner Druckerei vor. Ferner ist eine Zusammensetzung. Ueberdies wird mit der Zeit das Bedürfniss eintreten nicht bloss eine sondern mehrere Stufen der Länge zu unterscheiden ; dies kann in Berücksichtigung von Satz III (vgl. § 6) z. B. nur durch Verlängerung des Dehnungszeichens geschehn, z. B.

müsste eine grössere Dauer als - bezeichnen; wie soll aber über einem schmalen Buchstaben Platz finden? Sehn wir was für Längenbezeichnungen welche nicht gegen Satz I verstossen, sonst noch üblich sind, so finden wir in der Orthographie des Altnordischen, des Ungarischen, des Böhmischen, des Irischen und vieler lateinischen Inschriften den Querstrich'. Dieser bietet alle die Vortheile welche wir bei” und “ vermissen. In der polnischen, tschechischen und litauischen Orthographie und in dem Lepsiusschen System kommt' über den allermeisten Konsonantenzeichen vor; über Vokalzeichen ist es in jeder Druckerei vorrätig ausser über ä und ö; aber in dieser Verbindung findet man auch keine und .. Was kein' hat, ist kurz.

§ 28. Auch wenn wir davon absehn dass wir mit der Verwendung von' und ' in der oben erläuterten Bedeutung nicht etwas Unerhörtes aus der Luft greifen, sondern uns an den längst gemachten Vorschlag eines angesehenen Grammatikers und an den hergebrachten Gebrauch mehrerer Kulturvölker anlehnen, so zwingt uns schon Satż V diesen Weg einzuschlagen. Zu welchen Zwecken bedarf die mundartliche Orthographie am nötigsten und am häufigsten der Anwendung von Nebenzeichen? Um gewisse Schallfärbungen und um die Länge darzustellen. Welche beiden Nebenzeichen finden sich bereits in jeder Druckerei allein oder in Verbindung mit einander über den meisten der zunächst in Betracht kommenden Buchstaben? Die Beistriche' und ' (welche sich zu zusammensetzen). Kann man diese beiden Thatsachen nicht in Abrede stellen, so zwingt die unerbittlichste Notwendigkeit zur Annahme der Sätze VIII und XII, mag man sich drehn und wenden wie man will.

A

§ 29. Wenn man auch die Bezeichnung der ,,Betonung“ für unerlässlich erklärt, so ist dies ein schwerer Irrthum. Erstens betonen die verschiedenen Mundarten, die in prosodischer Hinsicht sehr stark von einander abweichen, im Wesentlichen ganz gleich. Zweitens ist

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