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einender sind. — Herr Leo besprach Werder's und Herman Grimm's Arbeiten in den preussischen Jahrbüchern) über Shakespeare's Hamlet. Es sei alte Tradition, dass das Stück schwer verständlich sei. Demgemäss nimmt Grimm an, der Dichter wolle absichtlich mit dem Publicum Versteck spielen; sobald dasselbe glaube, den Charakter verstanden zu haben, lasse ihn der Dichter plötzlich umspringen. Werder legt den Hamlet auf ein Prokrustesbett, indem er nachweisen will, Hamlet könne nicht zur That kommen, weil er keinen Beweis für die Schuld habe. Diese Argumentation zerfällt vor der Thatsache, dass Hamlet, selbst nachdem er den Beweis der Schuld durch das Stück hat, auch zu nichts weiter als Reflexionen kommt. Die einzige Auffassung, die den Kernpunkt getroffen, bleibt die Goethe's (eine grosse That auf eine Seele gelegt, die der That nicht gewachsen ist). Der Kritiker muss soweit Poet sein, um eine Ahnung zu haben, wie der Dichter zur Conception und Ausführung kommt. Es geht eine Entwicklung vor sich, wie die aus der Zelle zur Pflanze. In der Quellenerzählung interessirte den Dichter zunächst die Darstellung des angenommenen Wahnsinnes. Dann war, wie Elze geschickt hervorgehoben hat, Lord Essex's Sohn in der Lage und von der Natur eines Hamlet; dass ein Mensch dargestellt werden soll, der aus Mangel an Energie den gestellten Forderungen gegenüber untergeht, ist im Stücke überall ersichtlich. Herr Montchal stellte Charles d'Orléans, den auf der Höhe der gesellschaftlichen Scala stehenden Mann, der seine Kunst zur Erheiterung nach den Schicksalen eines wechselvollen Lebens übte, François Villon gegenüber, dem Findling, der durch das Studium zu einem Abenteuerer- und Verbrecherleben kam, und gab eine Charakteristik seiner poetischen Productionen in Vergleich mit diesem wechselvollen Leben.

VI.

Herr Wüllenweber sprach über die französische Académie im siebenzehnten Jahrhundert. Nach Pelisson's Bericht (1651) sei der erste Anfang ein Privatzirkel von Freunden Malherbe's gewesen, bei dem Richelieu durch Boisrobert habe anfragen lassen, ob sie sich mit staatlicher Autorität als Körperschaft aufthuen wollten. Nach langem Zögern hätten sie sich bejahend entschieden; 1635 sei das Patent gegeben und Richelieu Protector geworden; erst zwei Jahre später sei die Sanction durch das Parlament erfolgt. Der Abbé Dolivet führt die Geschichte weiter bis 1699; eine neue Ausgabe der Geschichte 1858, mit erläuternden Anmerkungen, wurde durch Livet veranstaltet; eine andere Geschichte der Académie von Paul Menard behandelt mehr die Stellung der Académie der Regierung gegenüber. Die Statuten der Académie stellen ihr hauptsächlich die Aufgabe, die Sprache zu regeln, und besonders vier Werke zu schaffen: ein Dictionär, eine Grammatik, eine Rhetorik, eine Poetik, bei allgemeiner Verpflichtung der Mitglieder, den

aufgestellten Regeln zu folgen. Auch andere von Seiten des Staates gestellte Aufgaben wurden bearbeitet. Wöchentlich wurde eine Sitzung gehalten. Die ersten Vorschläge über das Dictionär erfolgten 1638. Vaugelas und Chapelain entwarfen den Plan. Alle als classisch geltende Werke sollten vertheilt studirt werden. Als sich die Unmöglichkeit herausstellte, sollte Vaugelas die ganze Arbeit gegen eine Pension übernehmen. Er führte sie durch bis zum i. Mezeray führte die Redaction bis zu seinem Tode fort. Das ganze Werk erschien erst 1692, Revisionen aber schon 1672. Obgleich königliches Privileg den Druck jedes anderen französischen Wörterbuches untersagte, so verschaffte sich der Academiker Furetière ein concurrirendes Privileg auf ein Dictionnaire des arts et sciences, welchem er durch Fälschung, wie behanptet wird, ein Dictionnaire universel substituirte. Dasselbe enthielt viel Sachliches gleich einem Conversationslexicon. Nach seiner Ausstossung lebte Furetière in Holland, wo sein Dictionär nach seinem Tode 1690 erschien. Die Académie veröffentlichte in Folge dessen einen Supplementband, der die Künste und Wissenschaften umfasste. Die Aussprache ist vielfach berücksichtigt; Pluralbildung und Conjugation der unregelmässigen Verba fehlt. Das Werk fand mannigfachen Widerstand bei Publicum und Parlament. Auf Schmähschriften, deren wichtigste von Menage, zu antworten, wurde den Akademikern verboten, doch antworteten sie in einer folgenden Vorrede trotzdem auf die Vorwürfe, Lobende Urtheile rühren hauptsächlich von Mitgliedern der Académie her. Die Redaction der Grammatik wurde Regnïer Desmarets übertragen; die Arbeit wurde in zwei Bureaux geleistet. Sie war schon vor 1706 fertig und schloss sich sehr eng an die lateinische Grammatik an. 1710 erschien von Delatouche ein kritisch urtheilendes Werk über die Grammatik und die beiden Dictionäre. Wenn auch zugegeben werden muss, dass die Verfasser sich dem Königthum zu gefügig zeigten, so ist doch ein Zusammenwirken so vieler literarischer Männer zu solchem Zwecke sehr dankenswerth. Herr Buchholtz sprach über Alterthümliches in der italienischen Sprache. Die Meinung, das Italienische sei keine neue Sprache, ist schon früh und oft ausgesprochen, aber ohne Begründung. Der Vortragende hat in seinen ,,Priscae Latinitatis origines“, Berlin 1877, bei Untersuchung über Entstehung der altlateinischen Formen viele Formen der jetzigen italienischen Mundarten als eben so alt, zum Theil als älter erkannt als die lateinischen, und zeigt die Richtigkeit dieser Wahrnehmung an einem Beispiel, nämlich meve = me, teve = te bei Ciello d'Alcämo; Quintilian hat mehe oder mehi als altlateinisch = me überliefert. Welche von beiden Formen (mehe oder mehi) Quintilian auch geschrieben habe, i ist gewiss einmal am Schluss gewesen, da dies überhaupt älter als e, und da auch die Dative mihi, tibi, sibi sich in alten lateinischen Inschriften mit auslautendem e finden. Aber auch in der ersten Silbe ist ursprünglich i gewesen, wie umbrisch mehe, tefe die Dative für mihi, tibi sind.

Folglich lehrt Quintilian, dass mihi einst auch Accusativ, mir und mich im Italienischen eins gewesen sei. Deshalb ist mihi piget in dem Fragmente eines alten Tragikers und mi öfter statt me in den Handschriften nicht falsch. Nun ist aber schon anerkannt, dass mihi eigentlich mibi, mifi (wie tibi) geheissen habe: also war dies oder mere, mefi einst auch der Accusativ. In alter und neuerer Zeit wird f zu b oder zu v und dies zu h, welches letztere auch schwindet: amabam, amavi, italienisch amava (aus amavi, amahi), amai, vedeva (vedeha), vedea. So erklären sich im Italienischen altes und mundartliches mee, mei, letzteres auch altfranzösisch und altprovenzalisch. Diese sind folglich älter und vollständiger als das lateinische und altlateinische me, aber gar nicht kann sich Letzteres an Alter vergleichen mit meve, teve, welche der sicilische Dichter des dreizehnten Jahrhunderts n. Chr. hat. Man muss hiernach gestehen, dass der weit verbreitete Grundsatz, die älter überlieferten Formen seien die älteren und umgekehrt, sehr trügerisch ist. – Herr Michaelis erwähnte als Fortsetzer des Werkes Denso's (s. III) Christian Tobias Damm, Lehrer am Halle’schen Waisenhause, Conrector des Kölnischen Gymnasiums zu Berlin (Uebersetzer des Plinius; Lobrede auf Trajan; Betrachtungen über Religion) er weicht von Denso z. B. in Beibehaltung der Verdoppelung des consonantischen Auslautes nach kurzem Vocal ab, beseitigte aber ebenfalls die Dehnungszeichen.

August Ludwig Schlözer, Professor der Geschichte in Göttingen, führte die Consonantenverdoppelung auf das richtige Maass zurück doch konnten diese Bemühungen den einflussreichen Gegnern gegenüber nicht durchdringen: einmal stellten die Grammatiker den Gebrauch selbst als wissenschaftlichen Grundsatz auf, dann waren die Schriftsteller selbst gleichgültig gegen Besserung oder traten ihr feindlich gegenüber. Herder namentlich wandte sich (mit recht grosser Unkenntniss der Sache) gegen Denso in seinen „Fragmenten über die deutsche Literatur, erste Sammlung 1767“; ebenso Hamann 1773 gegen Damm in seiner „neuen Apologie des h“ eine Schrift, die von Friedrich Heinrich Jacobi preisend hervorgehoben wurde. Wieland's Zuneigung zu Denso's Principien musste sich legen, seitdem er Lehrer der Prinzen geworden war. Goethe hatte kein Interesse für die Sache. Die Regierungen waren durchaus conservativ. Adelung erhielt den Auftrag zur Abfassung seiner Grammatik vom Minister Freiherrn von Zedlitz. --- Neue Elemente machten sich in Göttingen geltend. Bürger redete Denso's Principien das Wort. Klopstock dagegen wendete ein eigenes phonetisches Princip ganz geschmacklos an. Auch öffnete sich eine Kluft zwischen Nord- und Mittel- und andererseits Süddeutschen, die sich namentlich in Anwendung des ie zeigte (namentlich wurde ausführlich auf die Schreibweise Friedrich eingegangen, die in Preussen erst mit dem Königthum eintrat). Schliesslich trat die Cotta'sche Schreibweise im Druck der Classiker auf, der sich nur Goethe nicht vollständig fügle. Auf Antrag des Vorsitzenden wurde einstimmig

beschlossen, aus dem vorhandenen Bestande 300 Mark als Beitrag der Gesellschaft für das Diez - Comité flüssig zu machen.

VII. Herr Bourgeois theilt eine (fälschlich?) Boileau zugeschriebene Satire „gegen die Frauen“ mit; Betrachtungen eines Mannes, den man verheirathen will. — Herr Imelmann behandelte den Namen ,, Lenore“ in Bürger's Ballade. In dem Sagenkreise, auf den dieselbe hinweist, erscheint kein Name. Herder's Uebersetzung der Ballade aus Percy's Relics hat , Margarethe“ neben dem von Bürger beibehaltenen ,, Wilhelm“. Aber bei dem Bürger so naturell verwandten Joh. Christ. Günther findet sich ein Gedicht an seine Geliebte mit derselben Strophenstructur, derselben Versbildung und Reimstellung wie unser Gedicht, betitelt „an Lenore“ dies war der Name der Geliebten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass mit dem Eindruck der gebrauchten Strophe der Name des weiblichen Wesens sich dem Dichter empfohlen hat. Herr Benecke besprach die Angriffe, die Herr Ploetz in seiner „systematischen Darstellung der französischen Sprache (10. Aufl.)" gegen den Vortragenden gerichtet hat. Wenn derselbe in einzelnen Punkten Ploetz's Rügen gerechtfertigt findet (z. B. in der Bezeichnung des Vocallautes in ,femme“ als lang), so muss er andererseits gegen die Art der angewandten Kritik Protest erheben, welche gegen alle Regeln und Autoritäten nur immer das Gewicht der eigenen Meinung, den langen Aufenthalt in Frankreich anzuführen weiss, und einen Mann wie Benecke stets als einen darstellt, dessen Grundsätze er im Interesse des Unterrichts“ verbannt wissen will. Dabei werden die in späteren Auflagen gebrachten Verbesserungen der Benecke'schen Bücher ignorirt und Lappalien sind zu Ungeheuerlichkeiten aufgebauscht. Alles wurde an Beispielen aufgewiesen (z. B. die Erklärung der Schreibung - ége neben -èche; Aussprache der Wörter auf -er) und eine eingehende Widerlegung im Druck in Aussicht gestellt.

Beurtheilungen und kurze Anzeigen.

Priscae Latinitatis originum libri tres, scripsit Hermannus

Buchholtz, Berolini in aedibus Ferdinandi Duemmleri.
MDCCCLXXVII. 80. liber I, p. 104; liber II, p. 228.

Die Fortschritte in der Erkenntniss des Baues und der Entstehung der romanischen Sprachen sind mit jenen, welche in der Erforschung des Lateins gemacht werden, eng verbunden, ja wir können getrost sagen, sie sind zu einem guten Theile von denselben abhängig. Der Begründer einer wissenschaftlichen Erforschung der romanischen Sprachen, unser Altmeister Diez, war weit entfernt von dem Stolze, eine solche Abbängigkeit zu verleugnen, wie nicht ganz seltene Berufung auf Ritschl's Arbeiten im Rhein. Museum und Aehnliches beweisen kann. Zogen uns also die Priscae Latinitatis origines von Buchboltz schon durch den Titel an, so machte es die Art der Behandlung des Gegenstandes, die ausserordentlich häufige Heranziehung der Sprache der jetzigen Italiener, des reichen Materials ihrer Mundarten, zu einer gewissen Nothwendigkeit, das Neue des Buches, wenn auch wesentlich vom Standpunkte des Forschers auf dem Gebiete der romanischen Sprachen, bier etwas zu beleuchten.

Das Eigenthümliche und Neue überwiegt nun freilich in dem Buche bei Weitem. Das Hervorstechendste, was uns hier am meisten angeht und der ganzen Behandlung des Gegenstandes ihr besonderes Gepräge giebt, ist, dass Buchholtz die alte, bis heute allgemein gültige Anschauung verlässt, was bei den neueren kürzer sei als im Alterthume, habe Verstümmelung erlitten. Heisst es also heute in Italien alto', mundartlich ,altu, so lässt er den Schluss nicht gelten, dass diese Formen, weil es lateinisch ,altus heisse, am Ende das s eingebüsst haben müssen. Denn er setzt ihm entgegen, dass schon in recht alten lateinischen Inschriften (S. 166, 167 M. Fourio, L. Cornelio Scipio) statt us bloss o sich zeige, und will man hier eine frühe Spur des später allgemeinen Abfalles von Schluss-s erblicken, so setzt er hiergegen den Nachweis seines ganzen zweiten Buches, dass das hinten ansetzen von Pronomina stattgefunden habe, um die Wörter allmälig lang und vollwichtig zu machen, dass bei den kürzeren Formen nicht ein Schwund, eine Verstümmelung vorliege, sondern bei den längeren ein Ansatz, eine Zugabe. Also in jenen altlateinischen, auch umbrischen und oskischen, aber auch neuitalienischen Ausgängen ohne s erblickt er die älteren; lateinisches ,altus“ ist ihm jünger als italienisches ,alto'. Das später hinten angesetzte s soll eigentlich sei“ oder „si' oder „ses gelautet, dann den Vocal verloren haben. Diese letztere Auskunft mag wohl nicht auf vielen Widersprucb stossen,

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