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Auch nicht das Meer, das tiefe Meer,
Und wär' es bodenlos!

,,So will's der grimmige Rachegeist,
Bis die Schuld gesühnt wird sein.
Und läg' er begraben in tiefer Schlucht,
Zermalmt von schwerem Gestein;
Und hätte die Zeit sein Fleisch gefault:
Die Welt säh' doch sein Gebein!

„O Gott! der fürchterliche Traum
Umfängt mich im Wachen zumal!
Und wieder, wieder, mit schwindelndem Hirn,
Zück’ ich den mörd’rischen Stahl!
Und die blutige Hand versengt mir im Brand,
Wie Cranmer's Hand am Pfabl!

„Und noch immer versagt die Ruhestatt
Dem Leichnam Land und Meer:
Das gespenstische Wesen verfolgt mich ohn' Rast! –
Da steht es! da vor mir!! sieh her!!"
Der Kleine schrickt auf; er sieht auf der Stirn
Des Mannes viel Tropfen schwer!

In selbiger Nacht, als in süssem Schlaf
Der Knab' Erquickung fand,
Da schritten zwei düst're Männer von Lynn
Durch den Nebel über Land:
Und Eugen Aram in ihrem Geleit,
Mit Fesseln an der Hand!

IV. L ebens p s al m.

(Henry W. Longfellow.)
Lei’re nicht in müssigem Kummer,
Dass ein Traum das Leben sei;
Denn der Geist ist todt im Schlummer,
Sein und Schein nicht einerlei.

Wirklich ist und ernst das Leben,
Und das Grab nicht Ziel und Port.
,,Staub, dem Staub zurückzugeben!“ *) ---:
Nicht dem Geiste galt dies Wort.

Nicht Genüsse sind's, nicht Sorgen,
Was das Leben uns gebeut:

*) 1. Mose 3, 19.

Wirken! — dass uns jedes „Morgen“ Weiter finde, als das ,,Heut'.

Lang die Kunst, und kurz das Leben!
Schlägt das trotzige Herz doch nur
-- Gleich der Trommel, forumgeben,
Todtenmärsche der Natur!

Nicht der heitern Zukunft traue;
Sei vergang’ne Trübsal todt!
Gegenwärtig wirke, baue!
Innen Herz und oben Gott!

Grosser Männer Thaten treiben
Uns zu edler Strebsamkeit:
Dass von uns zurück auch bleiben
Stapfen auf den Höh’n der Zeit!

V. Mariens Traum.

(John Lowe.)

Der Mond ergiesst sein magisch Licht Mild über Wald und Berg und Thal; Auch jenes stille Kämmerlein Erhellt sein weicher Silberstrabl. Marie legt nieder sich zur Ruh', Im Geist bei John auf fernem Meer. Da hört sie eine Stimme leis': „Marie, o wein' um mich nicht mehr!“

Sie richtet rasch vom Pfühl sich auf, Zu forschen, wer sie rufe wohl; Da sieht sie John am Lager steh'n, Das Antlitz bleich, das Auge hohl. „Marie, mein Leib ist kalt und starr; Er liegt im wilden tiefen Meer, Fern, fern von dir, im Todesschlaf. Marie, drum wein' um mich nicht mehr!

„Mit Sturm und Wogen kämpften wir Drei Tage und drei Nächte kühn, Zu retten uns're gute Bark; Doch war vergebens unser Müh'n. War auch mein Herz vor Grausen starr, Glüht's liebend doch für dich so sehr! Jetzt ruht der Sturm; nun ruh' auch ich. Marie, drum wein' um mich nicht mehr!

Mein theures Lieb, mach' dich bereit:
Bald werden wir uns wiederseh'n,
Dort, wo die Liebe nicht mehr bangt,
Wo nie wir von einander geh'n!“
Laut kräht der Hahn; der Schatten weicht;
Sie sieht von ihrem John nichts mehr.
Doch scheidend haucht noch lind der Geist:
„Marie, o wein' um mich nicht mehr!“

VI. Auf den ersten Zahn meines jüngsten Sohnes.

(Hendrik Tollens.)

Triumph, Triumph! mein Lied heb' an!
Denn Mutter sagt: „Durch ist der Zahn!“

Du, Laute, laut ertöne!
Erst schenkte Gott dem kleinen Wicht
Den Odem und das Lebenslicht;

Jetzt giebt er ihm auch Zähne.
Triumph, Triumph! Gott Dank dafür!
Denn Mutter jauchzt: „Den Zahn sieh hier!

Lasst hell ein Loblied hören!
Glückáuf, mein Kind, bei Spiel und Sang!
Benutz' es wohl, bewahres lang',

Was Gott dir will bescheren!
Bewahr' es lang', benutz' es wohl!
Sieh, Gott gebeut es gnadenvoll;

Der Mahnung folg' mit Freuden!
Halı' dir zu Nutz und ihm zu Dank
Die Zähnchen weiss, das Seelchen blank,

Dann leidet keins von Beiden!
Gedeih', gedeih'! werd' gross und gut;
Nimm trefflich zu an Kraft und Muth,

Um nicht im Leid zu bangen!
Und schmäht dich Jemand wer's auch sei;
Dem zeig' die Zähne frank und frei,

Wo's Ehr' und Pflicht verlangen!
Gedeih'! werd' brav und krön’ mein Ziel:
Lass früh in dir ein tief Gefühl

Für Wahrheit, Recht entfachen!
Tritt muthig für die Braven ein;
Den Bösen musst trotz ihrem Dräu'n

Du in die Zähne lachen!

Gedeih'l werd' fromm, in Tugend rein,
Dass nie mein Aug’, jetzt freud'feucht, wein'

Um dich des Kummers Thräne!
Und geb' dir Gott bis an den Tod
Ein ehrlich Stückchen täglich Brot,

Drin beissen deine Zähne!
Loga bei Leer in Ostfriesland.

H. L. Willems.

Sitzungen der Berliner Gesellschaft

für das

Studium der neueren Sprachen.

I.

Herr Michaelis lenkte bei einer Anzeige der neuen Ausgabe von ,,Brücke's Physiologie und Systematik der Sprachlaute“ und ,,Sievers' Indogermanische Grammatik, Bd. 1, Grundzüge der Lautphysiologie“ die Aufmerksamkeit auf folgende Punkte: Brücke hatte 1) das alveolare, 2) das cerebrale, 3) das dorsale, 4) das dentale Bildungsgebiet für die Laute unterschieden. Das dorsale steht dabei im Gegensatz zu den anderen, insofern bei ihm die Zungenspitze den Verschluss bildet. Michaelis (über die Fünf - Laute) hat dann bei den Lauten des mittleren Articulationsgebietes diejenigen geschieden, welche 1) durch die Zungenspitze, 2) durch den Zungenrücken gebildet werden, und hat die ersteren apical genannt; er hat ferner eine superficiale, eine marginale und eine interdentale Bildung der Fünf-Laute unterschieden. Das Bedürfniss nun, die mit der Zungenspitze gebildeten Laute auszuscheiden, hat auch Sievers gehabt. Er dehnt den Begriff dorsal noch weiter aus, indem er ihn für jeden Laut anwendet, bei dem „irgend ein Theil des Zungenrückens dem Gaumen genähert oder mit ihm in Berührung gebracht wird“; daher nennt er auch Vocale dorsal, wogegen nichts einzuwenden ist. Zum Gegensatz hat er aber statt des Michaelisschen apical das Wort „oral“ angewandt. Setzt man jenen Ausdruck für diesen, so ist in beiden Theorien Alles in Uebereinstimmung: nur nimmt Michaelis als Uebergang zwischen interdental und alveolar noch zwei Zwischenstufen an, die Sievers nicht hat. Ob aber die Abänderung des Ausdruckes apical in „oral" zweckmässig sei, ist fraglich, da dieses von ora hergeleitete Wort mit dem schon bestehenden von os hergeleiteten, „im Munde gebildet“ bezeichnenden, zu Collisionen und Verwechslungen Anlass bietet. – Herr Völkel besprach die Feindschaft Boursault's gegen Molière und die durch des Letzteren École des Femmes hervorgerufenen Anfeindungen der Schauspieler des Hôtel

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