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giker. Dass aber die römische Tragödie theils nur ein schwacher Abklatsch, theils ein ins Scheussliche und Grässliche gesteigertes Zerrbild der griechischen war, ist bekannt und wird besonders einleuchtend, wenn man z. B. die Medea oder die Trojanerinnen des Seneca betrachtet. Dieser Einfluss des Seneca zeigt sich bei Corneille nun nicht bloss in denjenigen seiner Stücke, die er ihm nachgeahmt hat, sondern auch in den meisten anderen. Jenen Hang zum Schrecklichen und Uebertreibenden, jenes wortreiche Pathos voller Sentenzen, jener rhetorische Pomp kennzeichnet sich in der Medea so gut wie im Clitandre, Polyeucte und der Rodogune. Zu allem diesem kommt, dass Corneille bei seinem schwankenden und unbeständigen Charakter eine Anschauung, die er sich einmal zu eigen gemacht hatte, nicht zu vertreten vermochte, dass er allen Einflüssen der Kritik, allen Launen seiner Gönner nur zu leicht zugänglich war und ihnen gegenüber seine Ansichten oft plötzlich änderte, wie zahlreiche seiner Vorreden und examens beweisen. Aus seinen Bemerkungen über den Clitandre z. B., ersehen wir, dass sein vor demselben verfasstes Stück, die Mélite, von den Kritikern getadelt war, weil erstens die Einheit der Zeit nicht innegehalten und zweitens viel zu wenig Handlung darin sei. Dies ist Grund genug für Corneille, bei der Abfassung seines folgenden Stückes, des Clitandre, die Einheit streng zu beobachten und es an Intriguen so wenig fehlen zu lassen, dass sie das Stück zu dem unnatürlichsten und in sich unwahrscheinlichsten Product Corneille’s gemacht haben. Diese Unbeständigkeit und Unentschlossenheit des Charakters zeigt sich ferner in der Rolle, die Corneille spielte in dem grossen Kampf zwischen dem romantischen Schauspiel und der classischen antiken Tragödie. Trotz des bedeutenden Erfolges, den er mit einem Stück der ersteren Gattung, dem Cid, erzielte, und der ihn hätte aufmuntern sollen, auf dem betretenen Wege fortzufahren, kehrte er dennoch, durch die Anfeindungen seiner Gegner und durch die Ungnade, in die er bei Richelieu gefallen war, kopfscheu gemacht, wieder zu dem antiken Regelzwange zurück, zum grossen Schaden der ganzen französischen Tragödie. Wo derartige Einflüsse zusammenwirkten, um den Dichter bald so, bald so zu stimmen, kann schon überhaupt von einer klaren, in sich consequenten

Anschauung von dem Wesen der Tragödie keine Rede sein, geschweige von einer solchen, die mit den Regeln des Aristoteles gestimmt hätte, wie Corneille Ehrgeiz genug hatte, beweisen zu wollen. Dass hierzu die gezwungensten und verkehrtesten Auslegungsversuche nöthig waren, haben wir im Obigen schon gesehen, und dass er auch da, wo er von dem Aristoteles abzuweichen Grund zu haben glaubte, nur zu rein äusserlichen Kunstgriffen seine Zuflucht nahm, davon hier nur ein Beispiel. Aristoteles stellt den Satz auf: die geschichtlichen Thatsachen dürfen nicht verändert werden; die Clytemnästra z. B. dürfe von keinem Anderen getödtet werden, als von ihrem Sohn Orestes. Da nach unseren heutigen Begriffen von Sittlichkeit ein Muttermord auf der Bühne nicht ausführbar ist, sagt Corneille, so würde man diesen Gegenstand etwa so behandeln müssen: Orest hat nicht die Absicht, seine Mutter zu tödten, sondern den Aegisth; indem er zu dem Todesstreich ausholt, wirft sich Clytemnästra zwischen ihn und den Aegisth, so dass sie vom Schlage getroffen todt niedersinkt. So, fährt Corneille fort, ist Clytemnästra von der Hand ihres Sohnes gefallen, wie es Aristoteles will, ohne dass unser sittliches Gefühl davon beleidigt, würde. (Sic!)

Fassen wir nun Corneille's Anschauung vom Wesen der Tragödie, wie sie sich uns in dem Bisherigen ergeben hat, kurz zusammen, so würde seine Definition der Tragödie etwa folgendermaassen lauten: Die Tragödie ist die Darstellung einer würdigen und wichtigen Handlung, die durch Erregung von entweder Furcht oder Mitleid in uns den Wunsch rege macht, die Leidenschaften, die den Helden des Stückes ins Unglück stürzen, in uns zu unterdrücken und auszurotten. Diese Furcht aber vor dem Unglück irgend einer der Helden und dieses Mitleid mit irgend einer der leidenden Personen der Tragödie werden in gewissen Fällen auch dann in uns hervorgebracht, wenn der Held des Stückes ein ganz tugendhafter oder ein ganz lasterhafter ist. Dabei ist es nicht nothwendig, dass der Verlauf der Handlung immer wahrscheinlich sei: die geschichtliche Wahrheit, sowie die Regeln der drei Einheiten und die Anforderungen, die die Aufführung des Stückes an den Verfasser stellt, sind ein Entschuldigungsgrund für im Stücke vorkommende

Arehiv f. n. Sprachen. LVIII.

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aus dem

Unwahrscheinlichkeiten.“ Dies sind ungefähr die Regeln, die Corneille über die Tragödie aufgestellt hat, von denen er sich aber in manchen Punkten noch Abweichungen erlaubt, so dass von einer wirklich klaren, sich consequent bleibenden und in sich geschlossenen Anschauung von der Tragödie nicht die Rede sein kann. Der Hauptmangel, aus dem sich auch all das Verfehlte in Corneille's Anschauung vom Wesen der Tragödie erklärt, ist der Umstand, dass ihm überhaupt das rechte Verständniss für das Wesen des Tragischen fehlte, für jenen unlösbaren Conflict, in den der Mensch in Folge seines einscitigen Begehrens gegen widerstrebende Kräfte verwickelt wird, und

er nicht anders befreit werden kann, als durch Sühnung seiner Schuld, wie es uns in den Shakespeare’schen Tragödien so klar entgegentritt. Was Lessing daher von der französischen Tragödie im Allgemeinen sagt, dass sie keine Tragödie sei, weil ihr einmal die Fähigkeit, Furcht und Mitleid zu erregen, fehle, und zweitens ein unlösbarer Conflict, das gilt so recht von Corneille, ihrem Begründer. Die Herleitung der Schuld aus dem Innern des Helden und die Herleitung der Vergeltung aus dem Zwange der Handlung vermisst man in seinen Dramen. Wenn dieselben trotzdem so grosse Bewunderung erregten, so verdankte er diese Wirkung nicht so sehr den Stücken als Tragödien, sondern vielmehr dem Umstande, dass er zuerst in schöner und oft wahrer Sprache die Gefühle und Empfindungen zu schildern wusste und seine Helden in pathosreichen Worten allerlei schöne Grundsätze und Sentenzen aussprechen liess, an die das Publicum schon durch die Stücke seiner Vorgänger gewöhnt war, und an denen es einen ausserordentlichen Gefallen fand. Es kam ihm mehr auf die Worte als auf die Handlung, mehr auf die äussere Form als auf eine folgerichtige Entwicklung an. In falschem Verständniss des griechischen Dramas und aus Unvermögen, sich eine eigene Anschauung von dem Wesen der Tragödie zu bilden, wie die Spanier und Engländer, unbeeinflusst von den Alten, ein nationales Drama erzeugt haben, hat Corneille die classische französische Tragödie in der Bahn weitergeführt und befestigt, die sie schon theilweise vor ihm eingeschlagen hatte und nach ihm nicht wieder verlassen hat.

Dr. K. Foth.

Die provenzalische Bearbeitung der Kindheit Jesu.

Von

Adolf Kressner.

Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung waren die Legenden über Jesu Kindheit, worüber bekanntlich die canonischen Evangelien fast nichts berichten, sehr verbreitet, im Abendlande sowohl als auch im Orient, und wenn sie auch meistens Secten Zwecken dienten (vergl. Ueber die Apokryphen des neuen Testaments von Dr. Joh. Friedr. Kleuker. Hamburg 1798. – De evangeliorum apocryphorum origine et usu. Scripsit C. Tischendorf. Hagae Comitum 1851), so wurden sie doch auch von den Kirchenvätern anerkannt und häufig citirt. Doch mit der Zeit webte die Volkstradition 80 wunderliche Dinge hinein, dass der berühmte Erlass des Papstes Gelasius (496) de libris recipiendis et non recipiendis sie unter die Apokryphen rechnete. Nichtsdestoweniger fuhr man fort, sie eifrig zu lesen, und daher kommt es denn, dass das Mittelalter, das gerade an dem Wunderbaren und Unglaublichen so viel Gefallen fand, sie in den Bearbeitungen der hauptsächlichsten Völker des Occidents, in der spanischen, provenzalischen, französischen, englischen, niederländischen und deutschen Literatur, aufweisst *).

Unter diesen Versionen verdient eine besondere Berücksichtigung die provenzalische, welche Karl Bartsch nach der

*) Das Nähere bei Grässe, Allgem. Litterärgesch. III; Histoire Littéraire de la France XVIII; Archiv IL; Hahn, Gedichte des XII. und XIII. Jahrhunderts; Die Kindheit Jesu, Gedicht des 12. Jahrhunderts. Herausgegeben v. J. Feifalik. Wien 1859.

Pariser Handschrift 7693 (fol. 170) in seinen Denkmälern der provenzalischen Literatur, Stuttgart 1856, pag. 270—305 herausgegeben hat; und zwar ist sie merkwürdig sowohl in Bezug auf den Inhalt, da sie mehrere Legenden berichtet, die sich in den Quellen nicht finden, als auch in Bezug auf die Sprache, worüber der betreffende Theil dieser Abhandlung zu vergleichen ist.

Die Quellen nun, nach denen die mittelalterlichen Versionen, und so auch unsere provenzalische, gearbeitet sind, sind folgende:

1. Evangelium des Thomas, bekannt in zwei griechischen (Thom. gr. A; Thom. gr. B) und einer lateinischen (Thom. lat.) Version. Herausgegeben von F. C. Thilo in Codex apocryphus novi testamenti. I. Leipzig 1832, und von Tischendorf in den Evangelia apocrypha. Leipzig 1853.

2. Evangelium Pseudo-Matthaei sive de nativitate Mariae et de infantia Salvatoris, herausgegeben nach der Pariser Handschrift von Thilo, nach einer Vaticanischen von Tischendorf. (Ps. Math.)

3. Evangelium Infantiae Arabice, zuerst herausgegeben von Henricus Sike: Evangelium infantiae vel liber apocryphus de infantia Servatoris. Ex Manuscripto edidit ac Latina versione et notis illustravit H. S. Trajecti ad Rhenum 1697. Der arabische Text mit lateinischer Uebersetzung ist wieder abgedruckt von Thilo; Tischendorf giebt nur die lateinische Uebersetzung. (Ev. Ar.)

Hierzu ist noch zu vergleichen: Das Leben Jesu nach den Apokryphen im Zusammenhange aus den Quellen erzählt und wissenschaftlich untersucht Rudolf Hofmann. Leipzig 1851.

Folgende Tabelle mag dazu dienen, das Verhältniss der provenzalischen Bearbeitung zu den Quellen und das der Quellen unter einander anzugeben, zugleich aber auch zeigen, wie reich die Quellen in Vergleich zu jener Version fliessen. *)

von

*) Die arabische Bearbeitung ist nach Weise der Orientalen reich an Todtenerweckungen, Teufelsvertreibungen und anderen Wundern mehr, die sich sonst nicht finden. Wir geben daber nur die den übrigen Evangelien entsprechenden Capitel an.

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