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Wir gehen jetzt zu denjenigen Hausthieren über, die zu den Vögeln gehören. Es sind dies das Huhn, die Gans, die Ente, die Taube, der Pfau, der Schwan, und dazu kommt noch aus dem Gebiete der Insekten die Biene. Sie sind alle, eben so gut wie die bisher behandelten Vierfüsser, vom Menschen als Hausgenossen aufgenommen worden, und dem gemäss hat denn auch die Sprache ihnen eine ähnliche Aufmerksamkeit geschenkt wie jenen. Während von den übrigen, dem Menschen ferner stehenden Thieren nur verhältnissmässig wenige Metaphern und Sprüchwörter gebildet worden sind, reihen sich die auf das Hausgeflügel bezüglichen an Zahl und Wichtigkeit würdig denen der bisher behandelten Hausthiere an.

Ganz besonders gilt das vom Huhn, das, wie es das wichtigste dieser Klasse von Hausthieren ist, so auch die meisten Methaphern und Sprüchwörter hervorgebracht hat. Jene Thatsache, dass für den Menschen das Hubn der wichtigste Vogel ist, wird unter den Ausdrücken für Huhn (lat. gallina, gallus, pollus gallinaceus; gr. opvis, áhextopís, i lextqvóóv; it. pollo, gallina, gallo; sp. pollo, gallina, gallo; fr. poule,

*) Fortsetzung der Abbandlungen: 1. Der Hund, Archiv Bd. XLVI, S. 425 bis 464; 2. Das Pferd, Archiv Bd. L, S. 123 bis 190; 3. Der Esel, Archiv Bd. LIV, S. 155 bis 173; 4. Das Maulthier, daselbst S. 174 bis 182; 5. Die Katze, daselbst S. 337 bis 366; 6. Das Rind, Archiv Bd. LV, S. 327 bis 362; 7. Die Ziege, Archiv Bd. LVI, S. 343 bis 350; 8. Das Schaf, daselbst S. 350 bis 367; 9. Das Schwein, daselbst S. 367 bis 376. Archiv f, n. Sprachen. LVIII.

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coq; engl. fowl, hen, cock) ausgesprochen in dem 'egl. fowl und dem altgriechischen pris, die beide im weiteren Sinne Vogel, im engeren aber Huhn bedeuten. Allerdings muss es für die romanischen Nationen eine Zeit gegeben haben, wo nicht das Huhn, sondern die Gans als der wichtigste, nützlichste Vogel angesehen wurde, da sie dieselbe als auca, oca, oie (von avis, avica), d. h. als den Vogel schlechthin bezeichnen. Dass jedoch auch in den romanischen Sprachen jene Anschauung des Huhnes jetzt getheilt wird, beweist am besten der Umstand, dass auch in ihnen die auf das Huhn bezüglichen Metaphern und Sprüchwörter an Zahl und Wichtigkeit die auf die Gans bezüglichen bei weitem übertreffen.

Indessen haben die meisten dieser Metaphern und Sprüchwörter speciell auf den Hahn oder die Henne Bezug, nur sehr wenige auf das Huhn im Allgemeinen, und das liegt in der Natur der Sache. Folgendes ist ungefähr die Charakterisirung, welche die Sprache vom Huhne im Allgemeinen giebt.

Wie die Gans als das dumme Thier von der Sprache aufgefasst wird, so das Huhn als das feige Thier, z. B. im Span. bedeutet gallina (Henne), wenn es männliches Geschlecht hat, Feigling, und wie bei der Gans vorzugsweise das Junge als dumm gilt, so das junge Huhn, das Küchlein, vorzugsweise als feig. Da aber das Huhn besonders verzagt und kläglich dann aussieht, wenn es vom Regen durchnässt ist, so greift das Italienische und Französische gerade dieses Bild auf, um metaphorisch einen Feigling zu bezeichnen: It.: star lì come un pulcin bagnato (Giusti 371) oder andarsene

come un p. b. heisst: wie ein begossenes Huhn (wie wir

sagen: Hund) dastehen, davonlaufen. Fr.: poule mouillée, eine Memme, c'est une poule mouillée

= c'est un poltron (Le Roux I, 127), während das wörtlich genau entsprechende

Sp.: estar hecho un pollo de agua nur bedeutet: in Schweiss gebadet sein, und im Englischen heisst henhearted, chicken-hearted (mit einem Hühnerherz) feigherzig.

. Für die Verbindung von Verzagtheit und Unbeholfenheit (wofür er den Ausdruck hat dappoco, dappocaggine) braucht der Italiener ausserdem das Bild von dem Küchlein im Werge, besonders in der beliebten Redensart più impacciato che un pulcin nella stoppa, oder imbrogliato, impastojato come un pulcino tra la stoppa, in Verlegenheit wie ein Küchlein im Werge.

Gia l'aveva sentito dire ch'era un homo da poco, ma in quest'

occasione ho dovuto proprio vedere, che è più impacciato che un pulcin nella stoppa.

Manzoni, prom. sp. cap. 24. Als schmutzig erscheint das Huhn hier und da im Sprüchwort: It.; Pulito come un bastone di pollajo. Giusti 369.

Ragazzi e polli imbrattan le case. ib. 129.
Fr.: Enfans, poules et les coulombs

Embrènent et souillent les maisons. Le Roux I, 140.
Auch als gefrässig bis zur Unersättlichkeit:
It.: Ragazzi e polli

Non si trovan mai satolli. Giusti 129.
Preti, frati, monache e polli

Non si trovan mai satolli. ib. 178.
Fr.: Nonnains, moisnes, prestres et poullets

Ne sont jamais pleins ne saoules. L. Roux I, 25.
Sp.: Doce gallinas y un gallo comen tanto como un caballo.

Oudin, 100.
und in seiner natürlichen Feindschaft zum Fuchse, wie die von
Lamm und Wolf, Maus und Katze ist.
It.: Quando la volpe predica, guardatevi, galline. Giusti 47.

Consiglio di volpi, tribolo di galline. ib.

Quando le volpi si consigliano, bisogna chiudere il pollajo. ib. Fr.: Profiter à qn. comme une poule égarée au renard.

Von Thätigkeiten des Huhnes im Allgemeinen sind zwei bemerkenswerth: das Scharren mit den Füssen in dem Erdboden und das Auffliegen auf die Stange. Der italienische Ausdruck für den ersteren Begriff, ra zzolare, und der spanische escarvar bedeuten nietaphorisch nachspüren, emsig aufsuchen, und das scharrende Huhn wird oft im Sprüchwort als Bild gebraucht. It.: Tanto razzola la gallina, che scuopre il coltello, che l'amazza.

Giusti 201.
Sp.: Escarva la gallina y halla su pepita. Oudin 131.
= Muchas veces el que escarva lo que no querria halla.

(Dicc. d. I. Acad.)
= Der Blick des Forschers fand
Nicht selten mehr als er zu finden hoffte.

Lessing, Nathan II, 7.

It.. Chi di gallina nasce, convien che razzoli. Giusti 128. (=Chi

nasce di gatta, piglia i topi al bujo.)
Ogni gallina raspa a se. Giusti 91.
Auch das
It.: Scrive come una gallina. Giusti 370. (lat.: Has literas gallina

scripsit.)
bezieht sich auf das Scharren.

Vom Ausdruck für das A uffliegen der Hühner auf die Stange, wo sie übernachten, ist im Italienischen ein Metapher gebildet worden: appolajarsi heisst sich niederlassen an einem Orte.

Se questa feccia die gente qua pensasse appollajare.

II.

Eine bei weitem reichere Metapherbildung stellt sich uns dar, wenn wir den Hahn und die Henne besonders ins Auge fassen. Was den Hahn betrifft, so trägt seine ganze Erscheinung zu auffallend den Charakter des Stolzes und gefallsüchtiger Eitelkeit, als dass die Sprache sich diesen Zug entgehen lassen könnte.

Er tritt am reinsten und bestimmtesten im Spanischen und Englischen hervor : Sp. tener mucho gallo heisst sehr stolz sein (tener soberbia, altaneria ó vanidad, y afectar superioridad ó dominio) und gallear den Kopf hoch tragen; Egl. cock sich brüsten, einherstolziren wie ein Hahn, cock the nose die Nase hoch tragen (wie der Hahn den Kopf, vgl. It.: a testa ritta come un gallo), cock the hat den Hut aufs Ohr setzen, und : den Hut aufkrämpen, a cocked hat, ein aufgekrämpter, dreieckiger Hut, welche letzteren Ausdrücke sich dadurch erklären, dass sowol in dem aufs Ohr Setzen des Hutes als in dem Aufkrämpen des Randes Eitelkeit und Gefallsucht gesehen wurde; bawcock, aus dem franz, beau coq entstanden, wird in der Bedeutung: netter Junge, Bürschchen gebraucht, z. B. in Shakesp.'s Twelfth night III, 4, redet Junker Tobias so den Malvolio an: Why, how now, my bawcock? how dost thon, chuck ?*)

*) Apm.; vgl. Falke: Die deutsche Trachten- und Modenwelt, Bu. II, S. 238: Es konnte nicht ausbleiben, dass die dominirende Perrücke auch auf den Hut umgestaltend einwirkte. Zur Steifheit muss sich wieder zierliche Eleganz, Bewegung im Contour gesellen. So richtet sich der Rand allmälig wieder auf, erst auf der einen Seite, und zwar auf der linken, dann auf zweien, bis er endlich mit drei Krampen die feste bestimmte Form erhalten hat, mit welcber er wie ein Diener die Allongeperrücke in ihrer Höhezeit begleitet.

Als Gefallsucht wird das Benehmen des Hahns ausschliesslich im Französischen gedeutet. Es wird hier also nur auf sein Benehmen in Bezug auf die Hühner gesehen, wo denn die Eitelkeit sich bestimmter als Gefallsucht charakterisirt. Das allbekannte und weitverbreitete coquet ist nämlich von coq der Hahn gebildet, und heisst also gefallsüchtig wie ein Hahn; von coquet wieder coqueter. Wie dies Wort in das Deutsche übergegangen ist, so auch in das Spanische (coqueta, coquetar) und das Englische (coquet, to coquet). Der Italiener dagegen hat seltsamer Weise die kleine Eule, das sog. Käuzchen, als Bild benutzt, um Kokette und kokettiren zu bezeichnen, er sagt dafür civetta und civettare, und das hat wohl seinen Grund darin, dass dieses Thier durch seine barocke, lebendige Mimik“ sich auszeichnet und darum oft gezähmt wird (siehe Masius, d. gesammt. Naturw. II, S. 222), während zugleich nicht zu verkennen ist, dass das Fratzenhafte und Karrikirte, das beim Kokettiren so leicht sich einschleicht, glücklich durch dieses Bild angedeutet ist.

Angesichts aller dieser Ausdrücke, besonders aber des sp. gallear, können wir nicht anstehen, das italienische gallare und galleggiare mit den Bedeutungen: frohen Muthes, unverzagt sein und oben auf dem Wasser schwimmen, von gallus, Hahn, abzuleiten und die Frage von Diez bei Besprechung dieses Wortes (Etymol. Wörterb. II, 31): „Nahm man es vom stolzirenden üppigen Hahn ?" durchaus zu bejahen. Wenn jedoch Diez weiter behauptet, dass „die sinnliche Bedeutung des Obenschwimmens sich erst aus der abstrakten des Ueppigseins entfaltet habe“, so muss das als unnatürlich und schwer begreiflich verneint werden. Vielmehr sind beide Bedeutungen, sowol die abstrakte als die sinnliche, aus der ursprünglichen sinnlichen Bedeutung von gallare, galleggiare: den Kopf stolz und hoch tragen wie ein Hahn, hervorgegangen. Es entsteht daraus die Metapher: oben schwimmen, indem man einen auf der Oberfläche des Wassers schwimmenden Gegenstand mit dem Kopfe eines Hahns vergleicht, der stolz über die Schaar der Hühner hervorragt, und die andere: muthig sein, indem man auf den Gemüthszustand sieht, der in jener Haltung des Hahnes sich ausspricht.

Besonders stolz und in seiner Würde fühlt sich aber der Hahn, wenn er auf seinem Miste steht. Wie wir daher die Sprüchwörter haben: Der Hahn ist König auf seinem Miste; und: Der Hahn kräbt am kühnsten auf eigenem Miste (Simr. 193), so sagt der Italiener:

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