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Menschen persönlichkeit beruht, wie auch das der Erz-
bischof und der König (III, 4) deutlich aussprechen :
Erzb.: Dem Mann zur liebenden Gefährtin ist

Das Weib geboren.
(Auch du) wirst deine Waffen von dir legen
Und wiederkehren zu dem sanfteren
Geschlecht, das du verleugnet hast, das nicht

Berufen ist zum blutgen Werk der Waffen.
Karl: Dich treibt des Geistes Stimme jetzt, es schweigt

Die Liebe in dem gotterfüllten Busen.

Sie wird nicht immer schweigen, glaube mir! etc. Die Natur wird schliesslich auch hier ihr Recht erlangen, und zwar, je länger und gewaltsamer sie unterdrückt wird, desto unerwarteter und vollständiger. Es scheint schon hierdurch die tragische Verwickelung so geboten zu sein, wie sie wirklich erfolgt, und so hat des Dichters Genius sich und seine Heldin ganz eingetaucht in den Geist des Mittelalters und sie doch zugleich zu einer Heldin für sein zur Natur zurückgeführtes und so gefühlvolles Jahrhundert zu gestalten vermocht.

Nun aber nimmt man vornehmlich an dem scheinbar so unvermittelten Umschlag Anstoss, dass Johanna auf dem Schlachtfelde, im Kampfgetümmel zu einem Manne, den sie bis dahin kaum noch gesehen hat, heftige Liebe fasst, da sie ihm zum ersten Male in das Antlitz blickt, um so mehr, da sie bisher allen Liebeswerbungen der ersten Helden ihres Volkes, die in allen Fährlichkeiten ihr treu zur Seite gestanden haben, standhaft ihr Herz verschlossen hat. Die gewöhnliche Romanmache würde sich freilich diese Gelegenheiten nicht haben entgehen lassen, den Conflict von Plicht und Neigung ohne viele Schwierigkeiten zu lösen. Johanna will ja aber der Dichter aus dieser Sphäre herausheben, das Ungewöhnliche, das Wunderbare ist ja bei ihr keineswegs gleichgültige Zuthat oder gar nur Phrase, sondern wesentlich: warum also nicht auch hier? Wenn ferner schon im gewöhnlichen Lauf der Dinge bei Gefühlserregungen das Plötzliche, Ueberraschende sich meist an wirksamsten erweist, wie viel mehr ist das hier an seiner Stelle, da höchste Erregbarkeit des Gefühls und in Folge dessen scheinbar unvermitteltes Eintreten von Stimmungen, Willensrichtungen und Entschlüssen zu dem visionären Charakter der Prophetin gehört. Wie könnte sie sonst für die Eingiessungen

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von oben empfänglich sein, wie könnte sie anders die träge und
widerwillige Masse mit sich fortreissen? Wunderbar muss sie
ihren Landsleuten wie ihren Feinden auch von dieser Seite er-
scheinen, und so lässt sie der Dichter von dem hastigen Er-
greifen des Helmes an bis dahin, wo sie auf die Kunde von
der Gefangennahme des Königs 'dreifache Ketten zersprengt,
stets reden und handeln. Gehört sonach das Unvermittelte zu
allem ihren Thun und erklärt es wesentlich ihre Erfolge, so
kann auch die Kehrseite nicht fehlen, es muss auch an ihr
und gegen sie sich geltend machen können und irgend ein-
mal durch das Medium ihres leicht entzündbaren Gefühls sich
geltend machen.

Allein die überraschende Wandelung in Johanna’s Herzen
ist, nicht einmal so un vorbereitet. Sie hat sich bereits in der
vorhergehenden Scene gegen ihr himmlisches Mandat aufgelehnt,
da sie die neue Botschaft aus der Geisterwelt verkennt und
missachtet. Undeutlich spricht ihr da die Stimme des Pro-
phetengeistes nicht ohne ihre Schuld, sofern sie weit über das
ihr gesteckte Ziel ,,Rheims befreien und ihren König krönen“
binausgreift. Vorbedeutsam für das gleich Folgende wird da
durch die Berührung des Geistes ihr Arm gelähmt, ihr wunder-
bares Wirken gehemmt. So ist hier das Walten des sichtbar
eingreifenden Schicksals hinreichend durch die eigene Schuld
der Heldin vermittelt, ohne dass dabei die tragische Verblen-
dung vermisst würde. Damit kommen wir freilich nicht gerade
zu der Verliebung als der einzig möglichen Ursache ihres
Falles. Doch unvorbereitet ist dieselbe schon nicht mehr.
Wenigstens ist sie doch als leicht möglich in der Scene mit dem
schönen Walliser angedeutet. Johanna bleibt stehen, als sie ihm
die ersten Schritte entgegen gethan hat; warum, sagt sie selbst :

In Mitleid schmilzt die Seele, und die Hand erbebt,
Als bräche sie in eines Tempels heilgen Bau,

Den blühnden Leib des Gegners zu verletzen;
und nur die erhabene Jungfrau rüstet den Arm mit Kraft, so
dass das Schwert sich selbst regiert (II, 8). Deutlicher kann
Johanna es nicht aussprechen, wie in jedem einzelnen Falle ihre
weibliche Natur gegen die ihr gewordene Aufgabe sich empört,
und wie besonders der Anblick männlicher Schönheit an einem
edlen Gegner die zarten Gefühle in ihrem Busen erregt. Wie

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weit ist es aber von solchem mitleidsvollen Wolgefallen bis zu dem hingebenden Wolgefallen an der Heldengestalt des Edelsten und Schönsten von allen, denen sie auf dem Schlachtfelde nur begegnen konnte? Des Schönsten – das geht schon daraus zur Genüge hervor, weil er eben allein das Herz der Kriegerin des höchsten Gottes zu bezwingen vermag; und überdies stellt ihm dies Zeugniss ausdrücklich die Lüsternheit der in solchen Dingen wol erfahrenen alten Königin aus (II, 2, Ende). Des Edelsten – ihm fällt, des Löwen Bruder, nach dem Tode des himmelstürmenden Talbot von selbst die englische Heeresleitung zu (bei Schiller), und er allein sucht zuletzt noch die Furchtbare zu bestehen; und mehr als das, die sein Volk mehr als Alles verflucht und verabscheut, die ihr eigenes hinausgestossen hat, die will er einer Welt zum Trotz durch unauflösliche Verbindung mit sich retten, wo selbst ein Dunois an ihr und seiner Liebe irre geworden ist. Wenn solcher Heldensinn aus edlem Mannesangesichte der geistesverwandten Heldin plötzlich entgegenleuchtet und, da der Ruhm dahin ist, trotzig den Todesstreich fordert: da ist es doch nicht so ganz unwahrscheinlich, dass sich ihr das fühlend geschaffene Herz dem einzig Ebenbürtigen in übermächtiger Erregung zuwendet.

Und das hat ohne Zweifel weit mehr Berechtigung im Kriegsgewühl, wo die Speere sausend sie umtönen, wo in des heissen Streites Wuth auch ihre Brust schnell wechselnde Gefühle wild durchstürmen und alle' Fasern des unbe wachten Herzens leidenschaftlich erregt sind, als an dem verführerischen Königshofe. Hier presst und ängstigt ihre Brust die müssige Ruhe, hier beengt sie schon das stumme Werben des Edlen,

Der Männer Auge schon, das sie begehrt,
Ist hier ihr Grauen und Entheiligung;

hier mahnt sie alles, ihr Herz mehr zu behüten, aber das ruhiger schlagende ist auch leichter zu behüten als in der aufregenden Feldschlacht.

Und am Ende ist die Begegnung auf dein Schlachtfelde immer noch eine eben so passende Gelegenheit zum Verlieben, wie die mit dem Mörder des Gatten und Schwiegervaters bei der Leiche des letzteren in Richard III., I, 2 oder eine solche beim Heraustreten aus dem Gotteshause im Faust, I. Wenn

dort Shakespeare die hochbetrübte Wittwe und Schwieger-
tochter durch die Liebesheuchelei eines physischen und mora-
lischen Scheusals nach kurzem Wortwechsel überwunden wer-
den lässt, so ist doch die psychologische Wahrscheinlichkeit
ganz gewiss nicht grösser als bei Schiller; und wenn hier der
herzenskundige Göthe in dem Busen des unschuldigen Kindes,
da es voll heiliger Empfindungen aus dem Dome tritt, durch
die freche Zudringlichkeit eines ganz fremden Mannes die
ersten Liebesregungen erwecken lässt, so hat wenigstens
und mit Recht - daran noch nie Jemand Anstoss genommen.
Denn dass Gretchens Herz von dem Augenblicke an dem
Faust zugewandt ist, lässt sie der Dichter noch in der näm-
lichen Stunde aussprechen:

Ich gäb' was d’rum, wenn ich nur wüsst',
Wer heut der Herr gewesen ist!
Er sah gewiss recht wacker aus

Und ist aus einem edlen Haus!
Ist das nicht Selbstanklage und Entschuldigung?

Immerhin ist der Anstoss, den so viele an unserer Stelle nehmen, bis zu einem gewissen Grade ein berechtigter. Es ist doch misslich, wenn eine so wichtige Handlung, auf welcher der ganze weitere Verlauf der Tragödie beruht, erst durch genaueres Eindringen in die Oekonomie des Stückes begriffen wird; eine reichlichere und anschaulichere Motivirung wäre wol zu

wünschen. Das Unbehagen wird dadurch verstärkt, dass der Dichter, wie oben schon bemerkt, in der unmittelbar vorhergehenden Scene sich allerdings jenen andern Weg zur Katastrophe bahnen zu wollen scheint. Denn es ist kaum möglich, Johanna's vermessenes Ueberschreiten ihrer Mission und, was daran geknüpft ist, so nur als untergeordnetes Moment hinzunehmen.

Wenn somit auch ein Rest bleibt, der nicht aufgeht, so ist das doch hier so wenig wie bei anderen Dichtungen Schiller's ein Grund, unserm grössten Dramatiker das Recht zu versagen, welches wir dem grossen Briten und auch dem Dichter des Faust bereitwilligst zugestehen, dass wir nämlich seine grossen Schöpfungen nicht nach der kritischen Schablone meistern, sondern in liebevoller Hingabe zu verstehen suchen. Lübben.

Dr. Franz Weineck.

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Charakteristik der holländischen Sprache

hinsichtlich ihrer

historischen Entwickelung und die ihr gegenüber der hoch

deutschen Schwestersprache gebührende Würdigung.

Unter den Sprachen der niederdeutschen Abzweigung vom deutschen Sprachstamme, zu welcher einerseits das Altsächsische, Mittelniederdeutsche und Plattdeutsche, andererseits das Alt- und Neu-Friesische, ferner das Angelsächsische, Alt-, Mittel- und Neu-Englische, endlich auch das Rhein-Fränkische, Mittel- und Neu-Niederländische, sowie das Flämische gehören, ist die, im Verhältniss zu ihren Nachbarn nur als Dialekt zu bezeichnende holländische Sprache diejenige, welche sich am reinsten erhalten und, nächst der englischen, in Literatur und Volksleben am meisten ausgebildet hat.

Vor der englischen hat sie den Vorzug, dass sie, treu ihrem Ursprunge und ihrer Abstammung, in kindlicher Liebe anhänglich, ihren Wortschatz vor den Einflüssen des romanischen Sprachstammes soviel wie möglich bewabrt und hinsichtlich der Wortbildung, Wortbeugung, gegenseitigen Abhängigkeit der Wörter, Satzbildung, Satzgefüge und Satzverbindung die deutsche Eigenart behalten hat; vor den übrigen niederdeutschen Dialekten aber zeichnet sie sich dadurch aus, dass sie nicht nur als Umgangssprache in Familie, Gesellschaft, Handel und Wandel, wie auch im öffentlichen Leben fort und fort sich kräftig entwickelt, sondern auch als Schriftsprache seit dem dreizehnten Jahrhundert eine in den meisten Gebieten reiche Literatur aufzuweisen hat und lebenskräftig sich weiter fortbildet, und zwar in eben demselben Maasse als die hochdeutsche, ja streng genommen in edlerer Weise, da sie nicht wie diese, wenigstens im publicistischen Style und in

Archiv f. n. Sprachen. LVIII.

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