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was mehr an Schopenhauer's Lehre von der Macht der Geschlechtsliebe, die sich zu allen Zeiten und unter allen Umständen behauptet und stets obsiegt, als an seinen Pessimismus erinnert, der in obigen Versen von Swinburne einen vo ergreifend schönen poetischen Ausdruck gefunden hat.

„Die „Poems and Ballads“, heisst es in dem besagten Artikel, stiessen auf den heftigsten Tadel seitens der Kritik, den man in unserer periodischen Literatur erlebt bat, seitdem unter ähnlichem Vorwande ein nur zu erfolgreicher Versuch gemacht wurde, den Ruf des verstorbenen Alexander Smith zu vernichten. Auch das Geschrei gegen „Poems and Ballads“ war eine Zeit lang erfolgreich. Die grossen Leihbibliotheken weigerten sich, Exemplare des Buches zu nehmen; vom Verfasser sprach man überall als vom mauvais sujet zeitgenössischer Literatur. Swinburne's Erwiderung war in einigen Punkten befriedigend, in allen interessant. Unsere eigene Meinung ist, dass Swinburne dazu angethan sei, die Herrschaft über die Phantasie der Nation auszuüben, deren der Laureatus sich einst erfreute, die aber unvermeidlich von ihm gewichen ist. Wir glauben, dass es Swinburne an keiner der Eigenschaften mangle, welche von einem erfordert werden, der einen solcben Platz in den Gedanken der Menschen einzunehmen wünscht, und dass er keine Fehler besitze, welche eingewurzelt wären, oder seinen Gaben verderblich werden könnten. Wir stimmen mit einigen Kritikern überein, dass in seinen bisherigen Hervorbringungen (Atalanta, Chastelard, Poems and Ballads) wenig Spuren von Beschaulichkeit zu finden seien; auch hat sich Swinburne noch nicht sehr in der schildernden Schreibart, sei es in der minutiös genauen Weise eines Wordsworth oder in dem kühneren und vielleicht wirksameren Stil Byron's versucht.“

Sein grösster Mangel aber sei sittlicher Art. Es fehle ihm gänzlich an „Glauben“, wobei nicht religiöser Glaube gemeint sei, sondern sittliche Kraft, ein Grundsatz, der dem Leben und der Handlung zu Grunde liege und sie gestalte, sei es der Glaube an die Pflicht, Freiheit oder Tugend. Solcher Glaube habe Rousseau, Goethe, Shelley, Carlyle und Victor Hugo gross gemacht, ebenso wie er Hiob und Ezechiel, Paulus und Johannes von Patmos gross gemacht habe. Der Fluch sittlicher Unvollkommenheit, der auf Byron lastete, sei mit doppeltem Antheil an seiner Leidenschaft und Gewalt auf den Dichter von Dolores“ und „Faustine“ gefallen.

„Die ,Poems and Ballads“ zerfallen übrigens in eigentliche und dramatisch-lyrische Gedichte, d. h. die letzteren sind wie Browning's ,Dramatis Personae lyrisch der Form, dramatisch aber ihrem Wesen nach. Unter diesen befinden sich einige der besten Leistungen Swinburne’s. In einigen wenigen Zeilen erfahren wir die Geschichte eines Lebens, die Entwickelung eines Charakters, das Ergebniss eines Kampfes, und zwar nicht durch den unmittelbaren Ausdruck des Sängers, sondern gleichsam durch seine Handlung. Der Dichter benutzt hierbei vorzugsweise den anapästischen Rbythmus, dessen Ungestüm besonders geeignet ist, die Verschmelzung der objectiven und subjectiven Zustände darzustellen. 'Welche malerische Form er aber auch anwende, so bekundet er doch stets seine Gabe, mannigfaltige und zarte Musik hervorzubringen. Er macht sich jeden Rhythmus zu eigen und erzwingt von ihm einen besonderen Klang und eine eigenthümliche Melodie, die, wenn man sie einmal erkannt hat, nie verwechselt werden kann, nie in den wohlklingendsten Versen anderer Dichter zu entdecken ist. Und diese Melodie bat nichts Eintöniges. Der Klangvers seines Dramas, der vermischte Chorus der „Atalanta“, die ungestüme, schwellende Leidenschaftlichkeit von , Anactoria“ (obgleich dieses Gedicht nur in gewöhnlichen heroischen Reimpaaren geschrieben ist), der rasche Erguss des Anapästs in einigen der Balladen, selbst die feinere Schönheit der kürzeren Gedichte, Nachahmungen und Uebertragungen, sie alle sind von demselben lieblichen Gesang durchdrungen. Anders freilich ist es mit der Diction. Ist sie auch hinlänglich Archiv f. n. Sprachen. LVIII.

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reich und eigenartig, so hat Swinburne doch augenscheinlich diesem Theil seiner Leistungen nicht die nothwendige limae labor gewidmet. Die Wiederkehr derselben oder ähnlicher Ausdrücke ist häufig langweilig und zuweilen geradezu beleidigend fürs Ohr.“

„Von neueren und zeitgenössischen Schriftstellern und Dichtern haben Walter Savage Landor, den er als den höchsten der zeitgenössischen Namen“ bezeichnet, und ganz besonders Victor Hugo, den grössten persönlichen Einfluss auf ihn geübt. Ueberhaupt ist er viel mehr bei den neueren französischen Dichtern, als bei irgendwelchen neueren englischen in die Schule gegangen. Vor Allen aber verehrt er, wie bereits gesagt, den eben genannten Franzosen. Ihm widmet er sein Chastelard, als dem ersten der lebenden Dichter, dem ersten Dramatiker seines Zeitalters; dem grössten Verbannten (die Widmung datirt vom Jahre 1865), und daher dem grössten Manne Frankreichs, und ebenso sein neuestes, grösstes Werk, Bothwell, in einem französischen Sonnette, das ich hier anführen will, um zu zeigen, wie Bedeutendes Swinburne auch im Französischen, in welcher Sprache (der seiner Mutter und seiner Kindheit) er Vieles gedichtet hat, zu leisten vermag.

À Victor Hugo.
Comme un fleuve qui donne à l'océan son âme,
J'apporte au lieu sacré d'où le vers tonne et luit
Mon drame épique et plein de tumulte et de flamme,
Où vibre un siècle éteint, où flotte un jour qui fuit.
Un peuple qui rugit sous les pieds d'une femme
Passe, et son souffle emplit d'aube et d'ombre et de bruit
Un ciel âpre et guerrier qui luit comme une lame
Sur l'avenir debout, sur le passé détruit.
Au fond des cieux hagards, par l'orage battue,
Une figure d'ombre et d'étoiles vêtue
Pleure et menace et brille en s'évanouissant;
Éclair d'amour qui blesse et de haine qui tue,
Fleure éclose au sommet du siècle éblouissant,

Rose à tige épineuse et que rougit le sang. Schon früher hatte er ihm ein Gedicht gewidmet, welches nicht minder schön, ja, nach dem, was mir davon zu Gesicht gekommen, noch schöner als obiges und in der majestätischen Stanze geschrieben ist, welche Milton in seiner „Hymn on the Nativity“ angewandt hat. Noch grösseres Lob wird der grossartigen psychologischen Trilogie , Dolores“, „The Garden of Proserpine“ und, Hesperia“ gespendet. Doch darf ich mich nicht länger bei den Einzelnheiten der Beurtheilung aufhalten, soll diese Arbeit sich nicht zu sehr ins Weite ausdehnen. Hören wir dagegen jetzt, welcher Ansicht der Verfasser des Artikels in dem Westminster Review über die Stellung ist, die Swinburne zu seinen Vorgängern einnimmt.

Bei dem früher angeführten Austin bildete er einen scharfen egensatz zu Tennyson. In gedachtem Artikel heisst es: „Man kann nicht in Frage stellen, dass Swinburne’s Dichtung hauptsächlich das Ergebniss und bisher die höchste Kundgebung eines starken, stillen, aber sehr fühlbaren Rückschlages gegen die Grundsätze und Praxis der Wordsworth'schen Dichterschule ist. Seit einem Vierteljahrhundert hat diese Schule die englischen Dichter beherrscht; die grössten unserer Dichter sind ihrem Zauber nicht entgangen, und nur die angeborene Kraft ibrer Individualitäten hat sie in allen wichtigen Punkten vor Schädigung bewahrt. Wir wollen keineswegs Wordsworth's eigenes Genie verkleinern, welches in seiner Art unübertroffen war. Seine wärmsten Verehrer aber müssen einräumen, dass sein Einfluss auf die englische Dichtung nicht durchaus wohlthätig war. Es ist sicher, dass die fieberhafte Be

rung des Dichters der „Excursion“, welche England nach dreissig- oder vierzigjähriger Vernachlässigung ergriff, jedes der besonderen Laster unserer

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zeitgenössischen Dichterwerke genährt hat. Corruptio optimi fit pessima, Die Eigenschaften, welche Wordsworth zu einem grossen Dichter machten. haben alle Dichterlinge veranlasst, Berge und Maulwurfshügel, wenn nicht die Metaphysik zu besingen. Der scheinbare (nicht wirkliche) Mangel an Vollendung in einigen der kleineren Gedichte von Wordsworth hat unseren jüngeren Sängern einen Vorwand zur Rohheit und Nachlässigkeit in ihrer Arbeit gegeben, und von demselben Beispiel haben sie die Theorie hergeleitet, dass nicht beldenmüthiges Leben oder heldenmüthige Handlungen der geeignete Stoff sei, den die Poesie zu verarbeiten habe, sondern vielmehr Butterblümchen und kleine Kinder.“ „Swinburne's Poesie also, welche Verwahrung gegen die Engherzigkeit und Sprödigkeit des Tages einlegt, ist ins entgegengesetzte Extrem übergegangen und hat die gewöhnlichsten Annahmen Lügen gestraft.“

Die beiden Stimmen, die wir nun vernommen haben, einigen sich also dahin, dass Swinburne's Dichtung einen entschiedenen Gegensatz zu der vor seinem Auftreten herrschenden Richtung bildet, nur, dass Austin den jetzigen, der Verfasser des angeführten Artikels aber den letztverstorbenen Poeta Laureatus dieses Amt bekleidete Wordsworth bekanntlich vor Tennyson als deren Vertreter nennt, was sich im Grunde gleich bleibt, denn ist auch Wordsworth der grössere Dichter von Beiden, so ist doch nicht zu leugnen, dass sein Mantel auf Tennyson gefallen ist und dieser den nämlichen sittlichen Ton bewahrt hat, wie der Dichter der Excursion.

Ganz irrthümlich also war es, als ein sonst vorzüglicher Kenner der englischen Literatur einst in einem Artikel über die Tennyson'sche Schule Swinburne dieser beizählte. Im Gegentheil bezeichnet sein Auftreten, wie wir gesehen haben, eine ganz entschiedene Wendung, einen Rückschlag, vielleicht, falls er Schule macht und dauernden Einfluss gewinnt, eine Epoche in der englischen Dichtung. Anhang hat er auch bereits gefunden: wir haben schon von einer „Pre-Raphaelite“, oder auch „Fleshly School“ genannt, gehört, und wenn Swinburne deren Heiland ist, so darf Dante Gabriel Rossetti als deren Johannes bezeichnet werden. Diese Bezeichnung ist ihr ind sen, wie wohl leicht rsichtlich, nur von Gegnern angeheftet worden. Den wahren Sachverhalt hat Franz Hüffer in seinem, den Poems by Dante Gabriel Rossetti, Leipzig, Bernbard Tauchnitz 1873, vorangeschickten Memoire in Folgendem kurz dargestellt.

„Rossetti's Gerlichte“, sagt er, „müssen daher nicht als der vereinzelte Ausfluss eines vereinzelten begabten Individuums angesehen werden, sondern auch als das Ergebniss einer Bewegung, in welcher viele der hervorragendsten Männer des heutigen Englands mit unserem Dichter in verschiedenen Zweigen der Literatur und Kunst zusammenwirken. Ich selbst möchte diese Bewegung die Wiedergeburt des mittelalterlichen Gefühls (Renaissance of mediæval feeling) nennen, entsprechend jener anderen Wiedergeburt antiker Cultur im 15. und 16. Jahrhundert. Da sie indessen bereits einen men oder Spitznamen (wenigstens insofern ihre Tendenzen die Malerschulen in England betraf) erhalten hat, und da die Bezeichnung preRaphaelite (vor-Raphael'sche) Schule fast zum Alltagswort bei uns geworden, so muss ich es wider Willen bei dieser in vielen Hinsichten unpassenden Benennung bewenden lassen. Das gemeinschaftliche Schibboleth der Hauptvertreter dieser Schule und zugleich der heutigen englischen Kunst, wie Holman Hunt, Burne Jones und Madox Brown, dürfte eine starke Opposition gegen die glatte conventionelle Behandlung der Natur und der menschlischen Gestalt genannt werden, wie wir sie bei den späteren Cinquecentisten finden. Die meisten dieser Männer sind in hervorragendem Sinne Coloristen und zeigen allerdings in der Behandlung ihrer Farbenwirkungen einige Abhängigkeit von den ältesten florentinischen Meistern. Doch gelang es sämmtlichen Hauptmitgliedern der Schule bald, sich von der „göttlichen Schiefe“ und „heiligen Ungeschicklichkeit“ ibrer früheren Versuche zu befreien, und

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heutzutage von einem Manne, wie z. B. Madox Brown, mit seiner bewundernswerthen Gabe, dramatische Wirkung hervorzubringen und menschliche Lei. denschaft darzustellen, als einen vor-Raphael'schen Maler par excellence und daher als wahlverwandt mit Fra Angelico zu reden, würde gänzlich widersinnig sein. Rossetti war einer der Gründer und Führer der vor- Raphael?schen Bewegung wäbrend ihres ephemeren Daseins als Malerschule; auch bildet er das Bindeglied zwischen ihr und der Dichtergruppe, deren Streben mehr oder minder vom Geiste der wiedergeborenen Mittelalterlichkeit erfüllt

Die Namen der zwei Dichter, Morris und Swinburne, welche nebst Rossetti selbst das vertretende Dreigestirn der Bewegung bilden, sind vielleicht jenseits des Canals nicht so bekannt, wie sie es verdienen. Hier in England bilden sie den Kern einer starken Partei von Gesinnungsgenossen, welche täglich an Zahl und Bedeutung zunimmt.“

Für die Besprechung solcher Vorgänge im stammverwandten England hatte ehedem vor 1866 meine ich unsere Presse, wie die Augsburger „Allgemeine Zeitung“, die Grenzboten“, welche letztere besonders unter Julian Schmidt's Redaction der Entwickelung der neuesten englischen Literatur mit Aufmerksamkeit folgte, Raum in ihren Spalten zu entbehren. Aber heute? Das erstgenannte Blatt hat seit etwa zwei Jahren die früheren, wenn auch nur spärlichen und seltenen Besprechungen neuer fremder literarischer Erscheinungen wie es scheint ganz eingestellt, in die letztere Zeitschrift verirrt sich nur dann und wann ein sporadischer Artikel über solche. Der jüngst dort erschienene über Charles Wolfe's berühmtes Gedicht „The Burial of Sir John Moore“ gehört der älteren Zeit an und ist bei aller Liebe und Gründlichkeit, mit welcher der Gegenstand behandelt worden, doch nicht erschöpfend in seiner Untersuchung. Die „Preussischen Jahrbücher“ brachten jüngst einen ersten) Artikel über die englichen Dramatiker (Marlowe führt den Reigen derselben, es scheint also nur auf die älteren abgesehen zu sein) aus der Feder des sonst so tüchtigen Literaturhistorikers Charles Grant, dessen The Last Hundred Years of English Literature ich sehr schätze. Jener Artikel aber ist so schlecht übersetzt, dass er für mich ganz ungeniessbar war. Die Wörter sind deutsch, lassen aber, wie ein Palimpsest, auf dem sich zwei Schriftarten befinden, das Englische überall durchblicken. Der Satzbau, die Ausdrucksweise, der

ganze Gedankengang ist englisch, und das stört denn doch, wenn man glaubt, einen deutschen Artikel zu lesen. Doch zur Sache.

Zunächst einige Worte über Chastelard. Mit diesem Drama eröffnete Swinburne seine beabsichtigte Trilogie, deren Heldin oder doch Hauptfigur Maria Stuart ist. Schon diese Wahl ist bezeichnend und rechtfertigt gewissermassen Austin's Behauptung, dass auch Swinburne's Muse eine „weibliche“ sei und unter dem weiblichen Einflusse unserer Zeit stehe; eine Behauptung, die er freilich auf die Behandlung oder die Charakterschilderung des Titelhelden stützt, indem er mit Recht des weibliche oder besser weibische Element zu tadeln findet. Bei der Richtung der Schule, zu welcher Swinburne gebört, dürfen wir uns indessen nicht wundern, dass er gerade eine solche Wahl getroffen. Er wollte die Gluth einer verzehrenden, sinnlichen Liebe darstellen, wie die schottische Königin geschaffen war sie einzuflössen, und so bot sich ihm einer ihrer früheren Liebhaber Chastelard als geeigneter Vorwurf dar.

Er soll bei der Behandlung seines Stoffes diesmal den Elisabethanischen Mustern nachgeeifert haben. Aeschylus“, heisst es in dem bereits mehrfach angeführten Artikel der Westminster Review, „Zerstört für Swinburne nicht die Herrschaft Shakespeare's. Mit unparteiischem Eclecticismus, der oft vorgegeben, aber selten ausgeübt wird, adoptirt er die besten Versuche der classischen und romantischen Schule und nimmt sie in sich auf. Die Charaktere ip Chastelard weichen von denen der meisten neueren Dramatiker bedeutend ab. Mögen wir Swinburne's Maria Stuart als historisch richtig

annehmen oder verwerfen, wir können nicht leugnen, dass sie ethisch wabr ist. Man vergleiche sie mit irgend einem anderen Bilde des Weibes, welchem die Geschichte oder Dichtung Umlauf gegeben mit Schiller's oder selbst Scott's, und es wird wie die lebende Wirklichkeit neben dem schöneren, aber falschen Ideal erscheinen. Niemand kann die leidenschaftliche Wahrheit von Maria’s, oder Chastelard's, oder Mary Beaton's Charakter leugnen. Und wenn die Charaktere lebensgetreu sind und die Leidenschaft harmonisch dargestellt ist, so steht es noch fester, dass der Gang der Handlung und die strenge Grossartigkeit der Katastrophe vortrefflich erfunden und ausgeführt ist. Wir wissen nicht, wo wir in dem Bereiche der zeitgenössischen Literatur eine Reibe von Scenen suchen sollten, die majestätischer, intensiver in schmerzlichem Interesse wären, als der fünfte Aufzug dieses Stückes.“

„Ohne blind gegen seine sittlichen und künstlerischen Mängel zu sein, wird ein unparteiischer Beurtheiler dennoch einräumen müssen, dass „Chastelard" höhere dramatische Kraft bekundet, als irgend etwas, das in englischer Sprache geschrieben worden, seitdem der Genius Shelley's in den „Cenci“ seinen Höhepunkt erreichte. Jede Seite, fast jede Zeile, zeugt von einem sorgfaltigen Studium der Elisabethanischen Dramatiker, obschon nichts der Nachahmung sich auch nur annähernderes versucht worden und die strengen Regeln der classischen Kunst die Ueppigkeit des Dichters zügeln. Der Einfluss Shakespeare's kann besonders in den Auftritten zwischen Chastelard und Maria im königlichen Schlafzimmer und im Gefängniss bemerkt werden.

„Die Beschuldigung der ,leidenschaftlichen Sinnlichkeit, die man gegen das Stück vorgebracht, können wir auf sich beruhen lassen. Die Leidenschaft der Liebe, wie sie in einer feurigen Natur bis zur Höhe des Wahnsinds sich steigert, liegt der Handlung zu Grunde, und wenn ein solcher Gegenstand überbaupt dramatisch behandelt werden soll (welche Frage für einen Engländer, dessen Kenntniss seiner Literatur doch wohl Bekanntschaft mit ,Romeo und Julie' in sich schliesst!), so wissen wir nicht, wie er massvoller und keuscher dargestellt werden könne, als in Swinburne's Werk. Das Ungestüme der Leidenschaft mag Einige in Schrecken versetzen und abstossen; die Reinheit der Sprache aber, in welcher sie ausgedrückt ist, muss die Bewunderung Aller herausfordern.“

Soweit die Westminster Review, die, ich muss es offen heraussagen, so ungern ich auch falsche Motive unterschiebe, nur zu sehr Partei zu sein scheint. Das Urtheil hat zu viel Voreingenommenheit in sich, als dass es für ein unbefangenes gelten könnte. Das Lob ist, mindestens gesagt, zu überschwenglich; der Tadel nur zum Schein mit eingeschaltet, zu leise angedeutet; ja, nur angedeutet, um widerlegt zu werden. Was mich noch misstrauischer macht und mir das Urtheil als nicht unbefangen verdächtigt, ist, dass die nämliche Zeitschrift auch von Swinburne's neuester Schöpfung so entzückt ist, dass sie es war, welche, wie bereits oben erwähnt. seinen Bothwell als Shakespeare nahe kommend rühmte. Meiner Ansicht nach heisst Chastelard und Romeo in einem Athem nennen, eine Entweihung des Namens Shakespeare's. Es ist dies freilich nicht von dem Recensenten geschehen; doch wenn auch nicht in klaren Worten, so ist es doch angedeutet; denn wenn die leidenschaftliche Liebe, die in einer feurigen Natur . bis zur Höhe des Wahnsinns sich steigert“, nicht in Romeo, dem „hohen Lied der Liebe“, in der unübertrefflichsten und unübertroffensten Weise geschildert ist, so ist sie es nirgends worden. Cha-telard verhält sich zum Romeo etwa wie der Gesang des Kanarienvogels zu dem der Nachtigall, und man weiss, dass jener, neben diese gehangen, zwar ihre Töne nachahmen lernt, den Schlag und Umfang, die Gluth und Fülle derselben aber nie erreicht. Nur häufiger und anhaltender singt er, als die Nachtigall, was natürlich zur eintönigen Wiederholung wird.

Von einer anderen Stelle sagt Austin: „Hier ist nichts Classisches und

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