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Andreas Gryphius und seine Zeit.

Für die Geschichte der deutschen Litteratur kommt Andreas Gryphius in dreifacher Hinsicht in Betracht: als lyrischer, als tragischer und als Lust- und Festspieldichter. Freilich hat er sich auch als Epiker versucht; doch sind diese Schöpfungen so reich an lyrischen, die eigentliche Erzählung fast überwuchernden Partien, dass sie unbedenklich der ersten Gruppe zugezählt werden dürfen. Ordnet man nun seine Dichtungen unter diesen Gesichtspunkten nach ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge, so ergiebt sich eine bemerkenswerte Übereinstimmung.

Von den uns überlieferten Werken der ersten Gruppe sind entstanden: in den Jahren 1633 und 1634 die beiden lateinischen Epen 'Herodis Furiæ et Rachelis lachrymæ' und 'Dei vindicis impetus et Herodis interitus', welche als Teile eines 'Bethlehemiticum infanticidium' gedacht sind; von der Mitte der dreissiger Jahre bis 1646 je vier Bücher Oden und Sonette, drei Bücher Epigramme und das dritte, ebenfalls lateinische Epos 'Olivetum'; im Jahre 1656 eine unter dem Titel ‘Kirchhofsgedanken' zusammengefasste Liedersammlung und ein Wettgedicht 'Der Weicherstein'; vor 1659 einige Kirchenlieder, zum Teil Überarbeitungen lateinischer Hymnen ; ausserdem in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren eine Reihe Gelegenheitsgedichte vermischten Inhalts; letztere ihres geringen Wertes wegen von Gryphius in seine gesammelten Schriften nicht mit aufgenommen, sondern erst 1698 nebst einem fünften Buch Sonette von dem Sohne Christian veröffentlicht.

Archiv f. 1. Sprachen. CIII.

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Als tragischer Dichter begann Andreas 1639 mit der Übersetzung der "Gibeoniter', eines Werkes des Holländers van den Vondel; ein Jahr später übertrug er 'Die heilige Felicitas', ein lateinisches Jesuitendrama des Nicolaus Caussinus, ins Deutsche. Die Reihe der originalen Stücke cröffnet 1646 'Leo Armenius', und rasch folgen ihm bis 1649 (Catharina von Georgien', 'Cardenio und Celinde', 'Carolus Stuardus'. Den Schluss macht im Jahre 1659 Papinian'.

Unter den Lust- und Festspielen steht die 1639 begonnene Übertragung der “Seugamme' aus dem Italienischen vereinzelt da. Am Ende der vierziger Jahre entfaltet sich der Humor im 'Peter Squentz und im Horribilicribrifax' zur vollen Blüte, vermag aber die Alleinherrschaft in dem mit lyrischen und tragischen Stoffen ringenden Geiste des Dichters nicht dauernd zu behaupten. Das 1653 verfasste Festspiel Majuma' und die vor dem Glogauer Brande 1656 fertiggestellte Komödie "Die Fischer sind die einzigen Dichtungen heiteren Genres aus den fünfziger Jahren. Erst 1660 regt sich die komische Kraft wieder stärker: ausser dem ernster gehaltenen Festspiel ‘Piastus' fallen Das verliebte Gespenst' und Die geliebte Dornrose in dieses Jahr. Drei Jahre später wird Thomas Corneilles 'Berger extravagant übersetzt.

Auf allen drei Gebieten, dem der Lyrik, dem des ernsten und dem des heiteren Dramas, ist eine sich gleichförmig vollziehende Entwickelung unverkennbar. Zunächst ein schüchterner erster Versuch, dann ein fast rätselhaftes Stocken – denn auch von den 1639 bei Elzevier erschienenen 'Son- undt Feyrtags-Sonneten' sind die meisten erst gegen Ausgang der dreissiger Jahre entstanden – darauf ein rüstiges Fortschreiten auf dem zuerst etwas zaghaft eingeschlagenen Wege, bis sich unter dem Einfluss einer neu erwachenden Neigung die Richtung ändert und der Hergang dementsprechend in ähnlicher Weise wiederholt. Erst mit dem Abschluss des 'Horribilicribrifax' hört diese Regelmässigkeit auf. Heitere und tragische Stoffe wechseln in bunter Reihe. Auf Majuma’ und Die Fischer folgen die Umarbeitung des ‘Carolus Stuardus' und der ‘Papinian', auf sie wieder 'Piastus', ‘Das verliebte Gespenst und Die geliebte Dornrose'; bis zu seinem Tode arbeitet Gryphius an drei Trauerspielen, 'Ibrahim', 'Heinrich dem Frommen' und den "Gibeonitern', und an der Übersetzung von Corneilles 'Pastorale burlesque', von denen nur noch letztere, 'Der schwermende Schäffer', vollendet wird.

Besteht nun zwischen diesen Perioden der geistigen Entwickelung und der Dreiteilung, welche der äussere Lebensgang des Dichters aufweist, ein innerer Zusammenhang? Ist es Zufall, dass der fast erstorbene Trieb zu frischer Blüte erwacht, nachdem ein neuer Abschnitt im Leben des Dichters begonnen hat? Strömt diese plötzlich hervorbrechende Schaffenslust lediglich aus der Überfülle originaler Impulse, oder mischt sie sich mit einem nicht minder starken Drang bewusster Nachahmung? Haben zeitgenössische Dichter und ihre Vorbilder Gryphius' poetische Produktion beeinflusst? Hat die religiöse, die politische Stimmung der Epoche auf sie eingewirkt? Kurz: Wie weit sind Andreas Gryphius' Dichtungen ein Spiegelbild seiner Zeit, und hat Wilhelm Scherer recht, wenn er im Anschluss an Gervinus sagt: Gryphius vertritt, was der Dreissigjährige Krieg von einem deutschen Shakespeare übrig liess? Auf diese Fragen will die folgende Untersuchung die Antwort geben. Sie muss sich, will sie die Grenzen der originalen Kraft des Dichters genau bestimmen, in gleicher Weise auf Sprache, Form und Inhalt seiner Schöpfungen erstrecken.

Andreas Gryphius ist am 2. Oktober 1616, im Todesjahre Shakespeares, in Gross-Glogau geboren. Seinen Vater, der dort als Archidiakonus wirkte, verlor der Knabe im fünften Lebensjahre 'durch Gift, das ihm ein falscher Freund gegeben'; 1628 auch die Mutter, welche ihr Kind nun einem Stiefvater, dem Pastor Eder in Driebitz, hinterliels.

Was hat mich, da sie weg, was hat mich nicht verletzt!
Welch Schmerzen, welche Qual hat mir nicht zugesetzt!
Wer hat der Güter Rest nicht diebisch mir entzogen

Und meinen Geist gekränkt und mich mit List betrogen! Es muss dahingestellt bleiben, ob diese Verse auf eine Spannung zwischen dem Stiefvater und dem Knaben, der bis 1630 in Driebitz blieb, zu deuten sind. Jedenfalls brachen für den auf seinen Irrfahrten unter den Kriegsunruhen schwer leidenden Andreas erst wieder bessere Tage an, als ihn Eder, durch eine lateinische Elegie des hilfeflehenden Sohnes gerührt, im Sommer 1632 auf die Schule nach Fraustadt schickte. Zwei Jahre später vertauschte der Jüngling diese Anstalt mit dem Danziger akademischen Gymnasium, genoss den Unterricht bedeutender Gelehrten und machte vermutlich auch die Bekanntschaft seines berühmten Landsmannes Martin Opitz. Auf Wunsch des Stiefvaters, der inzwischen nach Fraustadt übergesiedelt war, 1636 nach Hause zurückgekehrt, übernahm er im August dieses Jahres die Erziehung der beiden Söhne des kaiserlichen Rats und Kammerfiskals Georg von Schönborn auf Zissendorf. Dieser krönte ihn am 30. November 1637 zum Poeta Cæsareus und verlieh ihm die Würde eines Magisters der Philosophie und den erblichen Adel. Als sein hoher Gönner kaum vier Wochen später starb, verliess Andreas mit seinen beiden Zöglingen und vier anderen jungen Adligen im Mai des folgenden Jahres die Heimat und schiffte sich in Danzig nach Holland ein. Die Immatrikulation an der Leydener Universität bildet den Abschluss der Jugendjahre. Sie waren unruhig genug; und nimmt man noch den Tod einer Jugendgeliebten, die Verjagung seines Bruders Paul aus dem Pfarramte, eine Feuersbrunst, welche ihn 1632 aus Glogau, eine Pest, welche ihn 1633 aus Fraustadt vertrieb, und zwei weitere Brände eines uns unbekannten Ortes und Freistadts (1637) hinzu, so wird man begreifen, dass schon in den Jugenddichtungen des Frühgereiften die ernsten Fragen des Lebens das immer wiederkehrende Thema bilden.

In der Geschichte unserer Litteratur macht das Jahr 1624 Epoche: in ihm erschien Opitzens Buch von der deutschen Poeterey', eine von jenen Schriften, die nicht durch die Originalität der darin entwickelten Gesichtspunkte bleibenden Wert haben, sondern lediglich der bündigen Form, in der sie längst ausgesprochene Gedanken auf den Kampfplatz werfen, ihren Erfolg verdanken. Mit einem Schlage wurde der junge Bunzlauer das Haupt aller derer, die energisch für eine Reform der deutschen Sprache und Metrik eintraten. Grenzenlos war die Verwilderung, die seit dem Ausgang des 16. Jahrhunderts in der deutschen Dichtung herrschte. Man erlaubte sich Freiheiten in der Wort- und Satzbildung, in der Einführung fremder Ausdrücke, dass es fast schien, als ob aller poetische Sinn, alle Schätzung heimischen Wesens verloren gegangen sei. Stammund Endsilben wurden zusammengezogen oder ganz beseitigt,

, unbequeme Laute abgeworfen, Vokale unpassend eingefügt oder verändert, wie es der Reim oder die Länge des Verses gerade verlangte. Lateinische, griechische, französische, spanische, italienische Wörter und Wendungen hielten in hellen Haufen ihren Einzug und fassten, in ihrem bunten Gemisch oft recht seltsam anzuschauen, in Poesie und Prosa festen Fuss. Hier Wandel zu schaffen war erstes Erfordernis, wenn die deutsche Dichtung neben der jetzt hoch aufblühenden englischen, französischen, spanischen und holländischen eine achtunggebietende Stellung erringen sollte.

Das erste, wogegen Opitz vorging, waren die Fremdwörter. Schon 1617 in seinem 'Aristarchus sive de contemptu linguæ Teutonica' wetterte er gegen sie: unsere Sprache gleiche einer Kloake, in die sich aller Unflat der übrigen ergiesse; und wie sehr sein Ruf einem Zeitbedürfnis entsprach, zeigte die Stiftung der 'fruchtbringenden Gesellschaft, die im selben Jahre in Weimar zusammentrat, um dem Unwesen zu steuern, und bald Bundesgenossen an der "aufrichtigen Tannengesellschaft', der deutschgesinnten Genossenschaft, den Pegnitzschäfern und dem Elbschwanenorden' gewann. Schwieriger war die Aufgabe, die so gereinigte Sprache selbst auf ein höheres Niveau zu heben, ihr grössere Geschmeidigkeit und Fülle, 'Eleganz oder Zierlichkeit, Dignität und Ansehen', wie es Opitz ausdrückte, zu verleihen. Der Renaissanceströmung der Epoche entsprechend ging sein Rat im 'Buch von der deutschen Poeterey' dahin : 'Newe wörter, welches gemeiniglich epitheta vnd von andern wörtern zuiesammengesetzt sindt, zu erdencken, ist Poeten nicht allein erlaubet, sondern macht auch den getichten, wenn es mässig geschiehet, eine sonderliche anmutigkeit. Als wenn ich die nacht oder die Music eine arbeittrösterinn, eine kummerwenderinn, die Bellona mit einem dreyfachen worte kriegs-blut-dürstig, vnd so fortan

Item den Nortwind einen wolckentreiber, einen felssenstürmer vnd meerauffreitzer. Und weiter unten: Dessen wil ich nur erinnern, das für allen dingen nötig sey, höchste möglichkeit zu versuchen, wie man die epitheta, an denen bisher bey vns grosser mangel gewesen, sonderlich von den Griechen vnd Lateinischen abstehlen, vnd vns zu nutze machen möge.'

Das Buch von der deutschen Poeterey' wurde von allen

nenne.

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