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Ordensband der deutschen Erde,
Das der Weinstock um fie schlingt,
Wo am gastfrei deutschen Heerde
Sie der Velden Wohlfein trinft.

wilfonın! wilfomim! willfommen!
Andrer Fluß fann mir nicht frommen,
Denn an deinem Ilfer lauschen
Wein und Liebe, die berauschen!

Und so fort, im faßlichsten Tone jauchzender Freude des Wiedersebens einer von Gott gesegneten Heimath.

Naddem der Müller Radlauf durch dieses Märchen feine Braut, die Prinzessin Amelepa, aus dem Rheine erlöst, erzählt Frau Marzibille zur Erlösung ihres Amelcychens „das Märden vom Murmelthier“ (S. 357–410), einem armen Hirtenmäddhen, welches von der bösen Sdwester Murra und von der Mutter mißhandelt, aber beschüft von Frau Lureley, der guten und schönen Wasserfrau, und von einem redenten Biber mit Rath und That treulich unterstüßt, nadher von dem verirrten Prinzen von Bur: gund als Zwillingsschwester erkannt, den in einen Fischer zurückverwandelten Biber zu sich auf den Thron erhebt, endlich aber dem ter Regierungssorgen überbrüssigen Gemahl wieder in eine Fisderbütte am Rheine folgt. Um diese Hütte entsteht nacber der Ort Biberid, von wo sich das bescheidene Ehepaar später nach Mainz zurückziebt: es ist der Fischer Peter und seine Frau Marzibille selbst. Auch hier flicht der Dichter seine Anspielungen auf literarische Verhältnisse ein, namentlich wird mit gutmüthigem Muthwillen, als von Vater Lampe und dem Erdfräulein Wurzelwörtchen erzeugt, aber den Vater bald weit überflügelnd, der alte Voß, nebst seinem Söhnchen Abraham sogar als Besißer einer Unglücksmühle eingeführt, deren Räder zwar so richtig klappern, daß nicht eine Sekunde am Schlag fehlt, in der das feinste Mehl gemahlen wird, aus der aber auch wenige Menschen mit heiler Haut wieder herausgefommen sind. Murmeltbier wird von ihm mit den Worten empfangen: „Wer bat Dich gelebrt, unangemeldet zu treten ins gaftliche Haus, glänzt der Hammer, doch blank gescheuert am reinlichen Thor." Als er aber hört, daß sie vor ihrem Eintritt einen bösartigen Affen todtgeschlagen, wird 'er freundlich und spricht: „Herzlichen Dank verdienst Du, o Freundin! Du flugst meinen Feind, den Affen Sonneto, ten lumpengeflicten, und ich nagle den Schelm nun an den Baum dre Gartens, daß er mir sdcudie die Vögel,

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die Diebe der lachenden Kirschen.“ Unterwegs war sie zwei Männern begegnet, die sich ftritten: ,,ob die Louise, oder die Dorothea schöner fei; der Eine schrie, Louise hat schönere Füße, der Andere sagte, Dorothea hat eine schönere Seele.“ Als später die böse Schwester Murra den vom Murmelthier glüdlich vollbrachten Gang in die Mühle ebenfalls versucht, fiebt fie ,,eine große buntfchedige Kaße fißen, die mit dem Schwanze in einen Baum eingeklemmt, gewaltig lamentirte und zu ihr schrie: ,,Murra! madhe mich los, der vermaledeite Müller hat mich hier eingeklemmt, weil er meinen schönen Gesang nicht leiden kann, ich heiße Canzone und bin eine italienische Raße und fresse nichts, als jüße Orangen, und er möchte sie gerne allein essen." Das Bestreben, das Märchen in den Kreis der Rheinmärchen einzufügen, hat auch hier der Unbefangenheit der Darstellung, der Einfachheit der Entwidlung und dem raschen, frischen Fortschritte gegen das Ende hin unverkennbar geschadet.

Das Märchen von Schneider Siebentodt auf einen Schlag (I, S. 413—460) und das vom Schulmeister Klopfstod und seinen fünf Söhnen, die in die Welt hinausges schidt werden, dann wieder zusammen kommen und durch die Künste, welche sie erlernten, zu Glück und Ansehen gelangen (II, 31—102), enthalten bekannte Stoffe und Motive, poetisch umgestaltet, mit kecker Phantasie erweitert, und mit nedischen Wiße an Dertlichkeiten und Verhältnisse des wirklidyen Lebens angeknüpft. Zugleich ist jenes Märchen das legte, welches der Dichter der Reihe der Rheinmärchen ausdrücklich angeschlossen hat: der Meister Mecerling erzählt es, um fein Söhnden Garnwichserchen zu erlösen. Die beiden folgenden Märchen vom Wißenspibel (I, 261—474) und vom Myrthen fräulein (I, 475–495) find wahre Kindermär: chen; jenes, das so flink und pfiffig auftritt, als ob es ein andes rer Freund der Frau Marzibille, Meister Kupferling - der Fris seur, noch erzählt habe, ganz geeignet, muntere Buben vor Freude hüpfen und lachen zu machen, dieses in seiner innigen Zartheit zum Herzen finniger Mädden redend.

Auch das föstliche Märchen von Godel Hinkel und Gadeleia (II, S. 103—233) gehört zu denjenigen, welche in der vorliegenden Gestalt von Kindern unmittelbar und vollständig genossen werden fönnen. In und um Gelnhausen spielend und ursprünglich auch für den Cyklus der Rheinmärđen bestimmt, steht ejeßt doch selbstständig da, und ist durch Klarheit und Abrundung

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durdy treffliche Charakteristik von Personen und Verbältnissen und durch den frommen Sinn und fittlichen Ernst der bei aller feden Heiters feit durch das Ganze sich durchzieht, das vollendetste kleine Ganze der Sammlung. Das hat auch der Verfasser selbst wohl gefühlt, und er baher, während er die Herausgabe der andern bei seinen Lebzeiten standhaft verweigerte, früher schon besonders berausgegeben (Frankfurt, bei Schmerber 1838). Durch die Umarbeitung, die es dabei erfahren, ist es zwar um einzelne tiefere Bes ziehungen, wißige Einfälle und poetische Schönheiten bereichert, seiner kindlichen Unbefangenheit, Einfachbeit und befriedigenden Abs rundung aber theilweise beraubt worden; um so erfreulicher ist, daß es uns hier in seiner ursprünglichen Gestalt geboten wird. 31 demselben Tone kindlicher Unsduld und Heiterfeit ist das niedlide Märchen som Rosenblättchen (II, S. 235-253) gehalten, dagegen gefällt sich in dem von dem Baron von Hüpfenstid (255 - 292) die phantastische Laune des Dichters in den überraschendsten Combinationen und fedtsten Sprüngen; das ganze Märdhen bat etwas von der Natur seines Haupthelten angenommen, der offenbar aus der mephistopbelisden Romanze von dem nachher zum Minister gewordenen großen fönigliden Favoritfloh ursprünglich herstammt.

Wie der Herausgeber uns belehrt, bat, ähnlich dem Godel, auch das Märchen von Fanferlieschen Smö nefüß den (II, 293 - 497) wenigstens der größeren Hälfte nach eine spätere Umarbeitung erfahren. Daher kommt es denn wohl, daß in seinem ersten Theil jeßt eine muthwillige Laune entschieden vorherrscht, welche das Treiben an Höfen, wie die hochwichtigen Angelegenheiten einer ehrsamen Spießbürgerschaft, oft ganz vortrefflich persiflirt, aber zu häufig und zu weit vom eigentlichen Mittelpunkte abirrend, einen befriedigenden Totaleindrud zu machen nicht im Stande ist. Dagegen weht in dem zweiten Theile, wo alles Interesse um die im finsteren Thurme eingemauerte und von dankbaren Vögeln gepflegte und gespeis'te gute und schöne Königin Ursula sid sammelt, ein Hauch der Unschuld und der Sittsamkeit, inniger Frömmigt.it, heiliger Mutter- und Kindesliebe, so warm und wohltuend, daß er das Herz innerlich rührt und erquicft; gleichsam den Tert' dieser lieblichen Erzählung bilden die schönen Trostesworte, welche der in ihrer Einsamkeit schon der Verzweiflung hingegebenen Königin, ein Vogel zusingt:

Doch ist feiner je allein,
Wär auch Erd' únd Himmel Stein,
Schien fein Mond, fein Sternenschein,
Grüßte aud fein Lüftelein,
Sänge auch fein Vögelein:
Kehrt in jedem Herzen rein
Doch der liebe Gott stets ein.

Und wie frisch klingt der Gruß, welchen dem aus dem finstern Thurme endlich in die Schloßküche seines föniglichen Vaters geflüchteten blondlodigen und rothbädigen siebenjährigen Ursulus die wadere Röchin, „vor Freude in die Hände patsdend" zuruft:

Wu kommst Du her? Du süßer Anab!
Den ich noch nie gesehen hab;
Wie heißest Du, wer sdict Dich hier?
Du Herzensjung, Du Wunderthier !
So glatt, wie aus dem Ei geschält;
Ach Gott! Du hast mir lang gefehlt.
Du lieber Narr! bist Du ein Christ?
Bist Du ein Mensch? sag wer Du bist;
Nein, wie er aus den Uugen gudt,
Daß mir das Herz in Liebe zudt!

Es ist recht sehr zu bebauern, daß nicht, wie der „Urgodel" auch das Fanferlieschen in der Urgestalt gerettet ist.

Das Märchen von dem Dilldapp oder finder und Thoren haben das Glü d bei den Obren (II, 499–528) ist ein umgedichteter Knüppelausdensad; von den beiden unvollendes ten Märchen, vom Romanditden (II, 529 – 584), und vom Schnürlie & den (585-608), ist das erste durch die eingeflochtenen Reminiscenzen aus des Verfassers früberem Handlungsdienerstande, die sich namentlich um die Person des guten „Ladenpeters" concentriren, interessant, das andere führt uns die aus dem ersten Märchen dieses zweiten Theils bereits bekannte Prinzessin Liebseelden wieder vor, als: Trösterin des armen Schnürlieschens, einer Prinzessin, die durch Mamsell Chephise Marquise de Pimpernelle, das Ideal aller verzwickten und verrückten Gouvernanten, fast zu Tode geschnürt worden ist. „Seit zehn Jahren, klagt die Arme, habe ich keinen freien Athemzug gethan und nicht durch den Mund gesprochen, immer sollte id durch die Nase reden.

Die Antwort war, foi bald ich bat:
Nur gel nicht frumm und halt Dich grad.

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Mit dieser Uebersicht des Inhaltes hoffen wir zugleich eine Ahnung möglich gemacht zu haben von dem Geiste, der in diesen Märchen weht. Und was sagt nun die Kritik dazu? Vor ihrem Richterstuhle bat Brentano von jcber gleiches Schicksal gebabt mit einem ihm in vicler Beziehung verwandten Geiste, mit Jean Paul. Wilführliches Abspringen der Gedanken, ausschweifendes Spielen der Phantasie, Unfähigkeit ein vollendetes Ganze zu schaffen, das ist es, was ihnen zur Laft gelegt wird, und unsern Dichter trifft überdies nodi der Vorwurf, der in seinen Werken sich abspiegelnden Zerrissenheit seines Charakters. Wir wollen diesen Ausstellungen nicht entgegen treten, glauben aber doch einerseits, daß es die Pflicht der Kritik ist, auch erklärlich zu machen, wie es doc troß aller dieser Mängel kommt, daß Jean Paul ein frisches jugendliches Gemüth so vollständig hinzureißen vermag, daß Cles meno Brentano mit diesen harmlosen Märchen auch den Geist des gereiften Mannce so unwiderstehlich zu fesseln im Stande ist. Dieser Pflicht hat die Kritit in der Regel nicht genügt, und vielleicht þat das von ihr Versäumte diese Darstellung theilweise nadhgeholt, wenn sie, ohne jene Mängel geflissentlich zu verhüllen, doch vorzugsweise bemüht war, einen Blick zu öffnen in den Reichthum von Gemüth, Wiß und Phantasie, welche ein wunderbar reicher Geist in verschwenderischer Fülle hier ausgegossen hat, und welcher, wenn auch nicht immer gehörig zu Rathe gebalten, doch in höherem Grade geistiges Interesse zu erregen geeignet und unserer Bewun

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